Katja Brunners «Heidi wott nümm»

LUZERN ⋅ Katja Brunner buchstabiert in der «Box» das Abc des Schweizer Selbstverständnisses herunter. Auch wenn bei der Uraufführung ihres Stückes Magensäfte über die Alpen gekippt wurden: Das Publikum blieb in seiner Komfortzone. Schade.

26. November 2016, 05:00

Julia Stephan
julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Die Zürcher Dramatikerin Katja Brunner mag keine Zuspitzungen, sonst gäbe sie ihren Stücken keine Namen mit zwei Titeln drin. Wenn Brunner Themen wie Kindsmissbrauch, die Nöte des Alterns oder das Trauern aufgreift, dann mit Textflächen, die eng an der Sprache aufzeigen, wie und wie widersprüchlich über diese Dinge gesprochen wird.

Brunner denkt also nicht eng, sondern fantasievoll in die Breite. Sie differenziert lieber und spricht Dinge aus, ohne dazu gleich eine Haltung einzunehmen. Das macht sie aus und manchmal auch anstrengend, weil ihre Texte sich gerne wiederholen. Dass sie aber eine herausragende eigenständige Stimme hat, konnte sie in Luzern als ehemalige Hausautorin mit Stücken wie «Ändere den Aggregatzustand deiner Trauer oder: Wer putzt dir die Trauerränder weg?» (2014) und «Geister sind auch nur Menschen» (2015) schon mehrfach unter Beweis stellen.

Keine stammtischharten Zuspitzungen

In ihrer dritten Luzerner Uraufführung am Donnerstag in der Spielstätte «Box» ging es um die Schweizer Identitätskrise. Und man war gespannt, ob es der Autorin gelingen würde, zwischen all den stammtischharten Zuspitzungen und herzigen Vereinfachungen, welche in dieser Debatte dominieren, eine neue Perspektive zu schaffen.

Eine von mehreren Urzellen ihres neuen Stückes «Man bleibt, wo man hingehört, und wer nicht bleiben kann, gehört halt nirgends hin oder: Eine arglose Beisetzung» liegt in einer Werkstattinszenierung am Schauspielhaus Zürich aus dem Jahr 2014. Das Stück, das die Angst des Schweizers vor dem Fremden pompös zu Grabe tragen soll, ist also schon etwas älter und Katja Brunners Interesse an der Schweizer Identitätsbildung ebenfalls. Für den Blog der Tellspiele Altdorf hat sie einen weiblichen Tell entworfen, diesen Sommer wanderte sie mit anderen Theaterfrauen fürs Radio auf den Gotthard. Auch die Idee zu einer Heidi, die an der Schweiz verzweifelt, hat Brunner schon früher in einem Hörspiel verarbeitet. Diesen Sommer erschien zudem ein Text von ihr in einer «Heidi»-Ausgabe des Jahrbuchs der Schweizer Literaturen.

Neu ist dieser Text also nicht. Und leider findet Katja Brunner auch keinen neuen Dreh in dieser langen Tradition der kritischen Befragung der Schweizer Identität von Max Frisch bis Niklaus Meienberg. Damit ist sie nicht allein. Gute Beispiele sind rar. Ein gutes wie das von Volker Lösch, dem 2014 am Theater Basel die Inszenierung «Biedermann und die Brandstifter» mit einem Migrantenchor gelang, hat Brunner in ihrem Stück als ironisches Zitat eingebaut.

Von A wie Anna Göldi bis Z wie Zwingli

Brunners Text wirkt, wie er entstanden ist: wie ein alter Flickenteppich aus Schweiz-Klischees. Von A wie Apfel auf dem Kopf und Anna Göldi bis Z wie Zwang und Zwingli wird das Abc der Schweiz runterbuchstabiert. Es fallen die Schlagworte aus den 1.-August-Reden. Heidi will keine Heidi mehr sein, die Tierfabel «Der Igel und der Fuchs» erklärt uns die Schweiz, die aus Angst lieber den Kopf einzieht und Stacheln zeigt, als sich zu öffnen.

Um Brunners ausufernden Sprachteppich, der durchaus die eine oder andere brillante Pointe bereithält, nach etwas aussehen zu lassen, hätte die Regie Brunners Text auch mal in die Schranken verweisen müssen.

Leider ist das der Luzerner Regisseurin Christina Rast in der «Box» des Luzerner Theater nicht so recht geglückt. Sie lässt diesen Textflickenteppich in einer Skihüttenatmosphäre – ausgestopfte Tiere und Gardinen inklusive – (Bühne und Kostüme: Franziska Rast) von drei Schauspielern schultern, die ins Publikum dozieren. Die Luzerner Musikerin Trixa Arnold steht im Glitzerkleid hinter einem DJ-Pult und legt passend zu den herumliegenden Orientteppichen das Gebrummel eines Muezzins unter lüpfigen Schweizer Volksweisen.

Am tapfersten schlägt sich noch Sofia Elena Borsani als herrlich sabbernder, kieksender blonder Heidi-Wonneproppen mit Blumenbouquet auf dem Kopf. Pausbäckig beisst sie in rote Äpfel, um dann in kindische Publikumsbeschimpfungen («schämt euch!») auszubrechen. Doch auch wenn im Text Magensäfte über die Alpen geschüttet werden: Im Jahr 2016 regt sich dar­über auch das konservativste Publikum nicht mehr auf.

Rettend zu Hilfe kommt die Realität. Etwa, als die erzürnte Heidi die Vorhänge aufreisst und vorm Fenster unter Beobachtung der verwirrt stehen gebliebenen Passanten über den Zustand unserer Nation spricht. Oder als man nach Ende der Aufführung durch den Notausgang auf den Theaterplatz tritt, wo Taxifahrer mit Migrationshintergrund auf das Premierenpublikum warten.

 


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