«Ich bin faul und hatte viel Glück»

KINO ⋅ Dieses Wochenende weilt der berühmte tschechische Regisseur Jirí Menzel in Luzern. Heute ist er bei der Vorführung eines Dokfilms über ihn im Stattkino. Wir haben ihn vorher getroffen.

09. Oktober 2016, 05:11

Jirí Menzel, bei der Premiere des Dokfilms über Sie an den Solothurner Filmtagen meinten Sie, Sie wüssten gar nicht, warum Sie einen so schönen Film verdient hätten. Wieso sagen Sie so etwas?

Regisseur Robert Kolinsky hat ­einen sehr leichten und freundlichen Film über mich gemacht. Es ist ein Film, der meiner Eitelkeit schmeichelt. Ich sehe mich normalerweise nicht gerne selber in einem Film, aber dieser stellt eine Ausnahme dar. Ich wollte ihn sofort haben, damit ich ihn zu Hause noch einmal anschauen kann, zusammen mit meiner Frau. (Lacht.)

Die erwähnte Eitelkeit ...

Eigentlich bin ich jemand, der sich selber nicht so furchtbar ernst nimmt, und trotzdem bin ich eben sehr eitel. Genau diesen Widerspruch löst Roberts Film in hervorragender Weise auf.

Zur Schweiz scheinen Sie schon seit Jahrzehnten eine besondere Beziehung zu haben, wie man auch aus dem Film erfährt. Wie fing diese Beziehung eigentlich an?

Das fing mit Schokolade an. Schon als Kind während des Zweiten Weltkrieges wusste ich, dass die Schweiz das Land ist, wo es viel Schokolade gibt. Und nahm daher an: Die Schweiz ist ein reiches Land, noch reicher als die Tschechoslowakei. Und so wollte ich seit damals dieses Land unbedingt einmal kennen lernen.

Und wann erfüllte sich dieser Wunsch?

Der erste Kontakt entstand Anfang 1966, das war dank meinem lieben Freund Werner Düggelin, dem damaligen Leiter des Theaters Basel. Er selber war Mitte der 1960er-Jahre in vielen Ländern Europas unterwegs auf der Suche nach neuen Talenten. So kam er auch nach Prag, wo ich am Theater gerade eine eigene Inszenierung der Renaissance-Komödie «Mandragola» realisierte, meine erste grosse Bühnenarbeit. Werner Düggelin war davon so angetan, dass er mich nach Basel einlud, um mit mir zu arbeiten.

Es dauerte dann zwei Jahre, bis es so weit war. Wieso?

Ich war damals sehr beschäftigt, nicht nur mit Theater, sondern auch mit Filmen. Mitte 1966 drehte ich meinen ersten langen Spielfilm «Scharf beobachtete Züge», er wurde ein unerwartet grosser Erfolg in der Tschechoslowakei, so dass man mich drängte, erneut einen Film zu drehen. Das war dann «Ein launischer Sommer». Und kaum war dieser Film fertig, kam die Nachricht, dass «Scharf beobachtete Züge» auf der Shortlist für den Ausland-Oscar war und ich nach Los Angeles kommen solle.

Diese Reise hat sich bekanntlich gelohnt.

Und ob. Ich ging hin und gewann im März 1968 den Oscar, es war total verrückt. In den USA wollten dann viele Leute, dass ich bleibe und dort Filme drehe. Ich hatte beispielsweise ein Angebot von Universal Pictures, doch ich lehnte ab. Ich wollte unbedingt wieder zurück in mein Land, denn ich hatte dort bereits ein neues Filmprojekt angefangen: «Lerchen am Faden».

Diese Tragikomödie, die 1949 in einem kommunistischen «Umerziehungslager» spielt, hat ja eine unglaubliche Entstehungsgeschichte ...

Ja, ich kehrte also im Frühsommer 1968 nach Prag zurück und begann schnell mit den Dreharbeiten. Kaum hatte ich sie abgeschlossen, begann am 21. August die sowjetische Invasion.

Wie konnten Sie den Film trotzdem noch fertigstellen?

Es herrschte nach der Invasion zunächst einmal während Monaten ein grosses Durcheinander. Die sowjetischen Soldaten waren zwar da, aber man wusste nicht so recht, wie es weiterging. Im Westen herrscht oft das Bild vor, dass vom 21. August 1968 an schlagartig alle Freiheiten abgewürgt wurden, die im «Prager Frühling» erreicht worden waren.

Und das war nicht so?

Nicht ganz, es war vielmehr ein langsamer Prozess, der erst im Laufe des Jahres 1969 unter dem schrecklichen Begriff «Normalisierung» seinen Abschluss fand. Die Sowjets mussten nach der Invasion erst mal ihr tschechisches Personal finden, das in ihrem Sinn das kommunistische Zwangsregime wieder errichtete. Beim Filminstitut dauerte das ziemlich lange, so konnte ich 1969 «Lerchen am Faden» noch fertigproduzieren.

Zwischenzeitlich gingen Sie aber in die Schweiz.

Ja, jetzt kann ich endlich die Antwort zu meinem persönlichen Bezug zur Schweiz zu Ende bringen. (Lacht.) Ich hatte immer noch die Einladung von Werner Düggelin ans Theater Basel in der Tasche, und ausserdem war ich ans Filmfestival Locarno in die Jury eingeladen worden. So reiste ich im September 1968 erstmals in die Schweiz – nach Locarno. Aus Protest gegen die sowjetische Besetzung meines Landes erklärte ich dort, dass ich Filme aus Ländern des Ostblocks boykottieren wolle – es gab mehrere davon im Wettbewerb.

Was geschah dann?

Die Jurykollegen schlossen sich meinem Schritt an, und so löste sich die Jury auf. Ich fuhr weiter nach Basel, wo ich für mehrere Monate am Theater blieb. Werner Düggelin versuchte mich zum Bleiben zu bewegen, doch ich wollte in mein Land zurück. Ich konnte im darauffolgenden Jahr, 1969, nochmals nach Basel reisen. Erst nach der Rückkehr nahm man mir den Pass weg. Ab der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre begann sich die Situation ganz leicht zu entspannen. Und ich konnte danach auch wieder ins westliche Ausland reisen. Der Kontakt zur Schweiz blieb über all diese Jahre bestehen.

Wie haben Sie Robert Kolinsky kennen gelernt?

Das war in den 1990er-Jahren in Basel. Ich hatte dort mittlerweile viele Kontakte, ich kannte auch Paul Sacher. Er brachte mich mit Robert zusammen, der damals bereits die Martinu-Festtage gegründet hatte. (Anm. d. Red: Dies war ein lokal bekanntes, jeweils im November stattfindendes Musikfestival zu Ehren des 1959 in Liestal verstorbenen Exiltschechen Bohuslav Martinu, siehe Box.) Wir verstanden uns sofort.

Und der Film?

Irgendwann kam Robert mit der Idee, er wolle einen Film über mich machen. Das hat dann sehr lange gedauert. (Lacht.) Anfang dieses Jahres meinte er, ich solle doch an den Martinu-Festtagen die Oper «Des Messers Tränen» inszenieren. Diese wird am 12. November in Basel ihre Premiere feiern und im November auch in Luzern zu sehen sein (siehe Box).

Was stand bei Ihrer Karriere eigentlich am Anfang, die Bühne oder der Film?

Ich wollte beim Theater anfangen, kam aber erst zum Film. (Lacht.)

Wie denn das?

Ich bewarb mich 1957 um die Aufnahme in die Theaterschule Prag, doch ich bestand die Prüfung nicht. Man sagte mir, ich hätte kein Talent. So versuchte ich es an der Filmschule – und dort nahm man mich. Aber ich habe immer am liebsten mit realen Menschen gearbeitet, beim Film und auf der Bühne.

Was ist der Hauptunterschied?

Auf der Bühne ist diese Arbeit konkreter. Der Film besteht letztlich aus Schatten auf der Leinwand. Doch ich habe in beiden Bereichen immer nur Aufträge erfüllt, die an mich herangetragen wurden. Alle meine Arbeiten beruhen auf Vorlagen anderer Leute. Sie müssen wissen, ich bin ein sehr fauler Mensch. Wenn Sie sich an den Film «Scharf beobachtete Züge» erinnern – an den Vater des Protagonisten, einen früh pensionierten Eisenbahner, der am liebsten den ganzen Tag auf dem Sofa liegt: So ähnlich bin ich. Heute noch frage ich mich, wie ich mit dieser Haltung eigentlich durchs Leben gekommen bin.

Und zu welchem Schluss kommen Sie?

Ich habe immer unwahrscheinliches Glück gehabt. Ich weiss gar nicht, ob ich das verdient habe.

Hinweis

Heute um 11 Uhr läuft im Stattkino Luzern in Anwesenheit von Robert Kolinsky und Jirí Menzel der Dokfilm «To Make a Comedy is no Fun – Jirí Menzel». Bis Ende November sind dieser Film sowie Menzels Werke «Scharf beobachtete Züge», «Lerchen am Faden» und «Ein launischer Sommer» mehrmals im Stattkino zu sehen. Infos: www.stattkino.ch

Interview: Geri Krebskultur@luzernerzeitung.ch


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