Kuno Lauener: «Ich mag die Verknappung»

MUNDARTROCK ⋅ Züri West sind wieder da. Ihr neues Album «Love» erscheint nächste Woche. Frontmann Kuno Lauener über seine Vaterrolle, Öffentlichkeit und worauf er beim Texten achtet.
19. März 2017, 04:28

Interview: Pedro Lenz

Ein frühlingshafter Mittag in Bern. Mundartrocker Kuno Lauener (56) empfängt den Mundartschriftsteller Pedro Lenz zum Gespräch im Berner Kursaal. Die Promotion für das neue Album «Love», das nächste Woche erscheint, ist gerade angelaufen. Fünf Jahre ist es her, seit die Band ihre letzte Studioplatte aufnahm.

Kuno, auf «Love» gibt es eine Hommage an den vergessenen Schweizer Dichter Jean-Pierre Schlunegger. Lyriker Raphael Urweider pflegt zu sagen, es gebe mehr Gedichteschreiber als Gedichteleser. Gehörst Du zur raren Gattung der Gedichteleser?

Eigentlich bin ich kein grosser Gedichteleser. Doch vor einiger Zeit las ich einen Zeitungsartikel über Schlunegger. Er war 14, als sich sein Vater 39-jährig in Vevey von einer Brücke stürzte. Für einen Vierzehnjährigen ist das natürlich die Hölle. Daraus ergab sich für ihn der Zwang, sich selbst an seinem 39. Geburtstag umzubringen. Das hat mich ex­trem bewegt, also habe ich seine Gedichte gelesen. Es sind lebensbejahende Gedichte, viele Liebesgedichte in einer sehr üppigen, farbigen Sprache.

Üppigkeit ist ja nicht unbedingt Dein Stil. Bist Du bei Deinen eigenen Lyrics nicht eher ein Freund der Verknappung und Präzision?

Ja. Deshalb versuchte ich, diesen blumigen Gedichten meinen knappen Text entgegenzustellen. Dafür sind wir dann mit der Musik eher üppig. Mehr als eine Hommage an seine Gedichte ist es eine Hommage an den Menschen Schlunegger.

Nicht nur in diesem Song geht es um Verlust. Als wärst Du ein Tangosänger am Rio de la Plata, betrauerst Du auf «Love» den Verlust von Liebe.

Mein Vater ist ein halber Uruguayer, er kam dort zur Welt. Vielleicht habe ich dieses Gefühl in den Socken. Songs sind zum Werben und zum Sterben, so empfinde ich es zumindest. Ich schreibe lieber über solche Dinge, als dass ich mich zum Chronisten der politischen Situation machen würde. Mich interessiert eher das Zwischenmenschliche, das Abgründige.

Im Song «Chline Brüetsch» geht es um Eifersucht in frühester Kindheit. Hilft es, den Kindern zuzusehen, um über menschliche Gefühle nachzudenken?

Seit fünf Jahren bin ich Vater einer Tochter und seit drei Jahren habe ich auch einen Sohn. Sobald man eigene Kinder hat, hat man ja täglich eine Art Bonsai-Rollenspiel vor Augen. Und damit verbunden ist auch die Angst, es könnte etwas passieren. Mich hat das zu einem Song inspiriert. Dabei geht es mir nicht unbedingt um wahre Begebenheiten, sondern um Empfindungen. Bei den Kindern sind dann Gefühle, die wir Erwachsenen eher verstecken, oft offen einsehbar.

Züri West geht in neuer Zusammensetzung auf eine neue Tour. Ist da auch das Gefühl immer wieder neu?

Mit der Tour ist es ein bisschen, wie wenn man nach einem Unterbruch die Skischuhe wieder anzieht und raus auf die Piste geht. Man verlernt das ja nicht. Natürlich müssen die neuen Bandmitglieder auch unsere alten Songs üben. Wir haben viel Arbeit und sind wieder spät dran. Aber das ist immer so.

Anders als manche Deiner Berufskollegen sieht man Dich selten ausserhalb der Bühne. Entziehst Du Dich bewusst dem Promileben?

Auch bei mir kommen ständig Anfragen für alles Mögliche. Aber für mich ist es recht einfach – wenn ich nichts zu verkaufen habe, halte ich den Kopf nicht raus. Das ergibt sich von selbst, weil ich mich eher als privater Mensch fühle. Um Songs zu schreiben, genügt mir meine kleine, private Welt. Ich brauche die Öffentlichkeit nicht.

Du bist der einzige Rockstar, dem ich das wirklich glaube. Aber was ist, wenn die Öffentlichkeit Dich braucht?

Dann bin ich froh, dass ich die Band habe, sonst würde ich mich kaum auf eine Bühne trauen. Und deswegen sind Tourneen für mich die ideale Form, in der Öffentlichkeit zu stehen. Dann weiss ich, jetzt geben wir eineinhalb Jahre alles, gehen raus und machen das, was wir gerne machen. Und am Ende bin ich froh, wenn es wieder vorbei ist. Zwischen den Tourneen habe ich kein Mitteilungsbedürfnis. Ich treffe meine Kumpels, gehe Fussball schauen und halte mich still.

Ein Fussballer, der ins Alter kommt, verlässt den Rasen, um sich neu zu orientieren. Aber ein Rockstar, der älter wird, bleibt auf der Bühne. Ist das nicht anstrengend?

Früher dachte ich, Fussballer seien arme Kerle, weil sie mit 35 schon ausgemustert werden. Heute denke ich manchmal, die haben es gut, die können abtreten. Ich könnte ja auch im Hintergrund wirken, Bands produzieren oder so, aber mein Ding ist es halt, selbst zu spielen. Natürlich, der Stress wird nicht kleiner, aber ich möchte nichts anderes tun.

Wie begegnet ihr als Band dem Zeitgeist?

Mit neugieriger Gelassenheit. Selbstverständlich sind wir über musikalische Trends auf dem Laufenden. Wir lassen uns auch inspirieren, aber wir müssen uns nicht mehr immer so sehr mit anderen messen. Das ist ein gutes Gefühl. Jetzt kommt zum Beispiel Jeans For Jesus mit einer neuen Scheibe. Da bin ich gespannt drauf. Früher hätte ich gehofft, dass die andern nicht zu gut rauskommen. Heute kann ich mich über den Erfolg anderer Bands freuen. Klar will man selber seinen Platz halten, aber man mag den andern auch mehr gönnen.

Du bist der Literat der Rockszene. Worauf achtest Du beim Texten?

Die Rhythmik ist das A und O, auch beim Schreiben. Selbst ein Roman muss grooven. In meinen Anfängen kam die Rhythmik direkt vom Lärm der Schreibmaschine. Bei mir kommt noch die Liebe zur Knappheit dazu. Ich mag die Verknappung, und wenn ich mit einer Strophe gesagt habe, was ich sagen wollte, dann suche ich nicht noch eine zweite und eine dritte Strophe. Da wiederhole ich lieber. Die Wiederholung ist mir wichtig. Manchmal merke ich auch, dass ich Dinge von anderen Künstlern aufsauge. Das kann so weit gehen, dass ich beim Schreiben gewisse Autoren oder Musiker eine Zeit lang nicht lesen oder hören kann, um nicht zu direkt beeinflusst zu werden.

Das kenne ich. Man ist von etwas Fan und bekommt ein Distanzproblem. Bist Du selbst auch Fan?

Immer wieder. Als Bub waren Polo Hofer und Udo Lindenberg meine Helden. Das legte sich dann auch mal, aber als Anstoss waren die unheimlich wichtig. Und Leute wie Baze oder Stahlberger, um nur wenige zu nennen, sind inspirierend für mich.

Ab 24.3. Züri West: «Love», Wigra Sound Service


Login

 
Leserkommentare

Anzeige: