Jugend zeigte emotionale Reife und Humor

KKL ⋅ Das Luzerner Sinfonieorchester lud zwei «Rising Stars» ein: die Geigerin Noa Wildschut und den Hornisten Benjamin Goldscheider. Beide begeisterten mit ihrer Jugend, aber auch mir ihrer künstlerischen Reife.

16. März 2017, 10:28

Ein ganz der Jugend verschrie­benes Programm präsentierten James Gaffigan und das Luzerner Sinfonieorchester (LSO): Abgesehen von den «Rising Stars» konnten auch sämtliche gespielten Werke gewissermassen zu ­Jugendwerken der Komponisten gezählt werden.

Mit dem frühlingshaft-luftigen Intermezzo aus der Oper «Cavalleria rusticana» und viel Italianità eröffnete Gaffigan das Konzert. Der damals 26-jährige Komponist Pietro Mascagni gewann mit dieser Oper 1889 einen Kompositionspreis, der ihm zum Durchbruch verhalf.

Übermütiger junger Richard Strauss

Von den Opern-Abgründen einer «Salome» oder «Elektra» ist in Richard Strauss’ erstem Hornkonzert von 1883 noch nichts zu bemerken. Vielmehr scheint den 19-Jährigen jugendlicher Übermut geleitet zu haben – ebenso wie den, übrigens gleichaltrigen, Interpreten Benjamin Goldscheider. Lustvoll und mit grossem Gespür für die reichen Farben seines Instruments exponierte der Londoner die ersten drei ­Soloeinsätze. Im Mittelsatz sorgten er und das LSO mit weiten Phrasen und präzisem Zusammenspiel für intime kammer­musikalische Momente.

Im fantasievoll-freudigen Finalsatz wurde Gaffigans wertvolle Grundhaltung gegenüber jungen Solisten deutlich: Es macht für ihn keinerlei Unterschied, ob seine musikalischen Partner 19, 16 oder 75 Jahre alt sind. Wer – wie Goldscheider – in und mit der Musik etwas zu sagen hat, dem wird auf Augenhöhe begegnet.

Kokette Violine mit Empathie

Noa Wildschut feierte vor wenigen Tagen ihren sechzehnten ­Geburtstag. Die Niederländerin bewegt sich auf den Bühnen der Welt, seit sie elf ist. In diesen «Rising Star» irgendwelche Hoffnungen zu legen, wäre verfehlt – vielmehr darf sich das Konzertpublikum schon heute über Wildschuts sonniges Strahlen freuen.

Ernest Chaussons «Poème» für Violine und Orchester verlangt dem Solisten gestalterisch einiges ab; es kombiniert romantische Wehmut mit überschäumender Sinnlichkeit. Wildschut überzeugte mit ihrer extraordinären Reife und Emotionalität mindestens ebenso wie mit ihrer Virtuosität.

Auch den nach der Pause folgenden «Four Iberian Miniatures» für Violine und Orchester widmete sich Wildschut mit rührender Empathie – und einer gehörigen Portion Humor. So liess sie sich im zweiten Satz ganz von der Musik führen und entlockte ihrer Violine neckisch-kokette Töne. Das Stück von 2014 wurde erstmals in der Schweiz gespielt und spiegelt die einfallsreiche Auseinandersetzung des jungen Komponisten Francesco Coll mit dem musikalischen Erbe seines Heimatlandes Spanien.

Mendelssohn importierte italienische Folklore

In Felix Mendelssohns vierter Sinfonie, der «Italienischen», hörte man besonders im vierten Satz, was der vielgereiste 23-Jährige von seiner Italienreise an Folklore nach Deutschland importiert hatte. Die Sinfonie spannte einen klugen dramaturgischen Bogen zum klassizistisch anmutenden Hornkonzert und der «Cavalleria rusticana» der ersten Konzerthälfte.

Gaffigan wagte feinste dynamische Abstufungen und gelangte so zu grosser Transparenz – und im letzten Satz zu einem ­hohen Spassfaktor. Der Abend machte deutlich: Die Jugend hat eine ganze Menge zu sagen, und es lohnt sich, ihr nicht nur im metaphorischen Raum des Konzert-Events genau zuzuhören.

Katharina Thalmann

katharina.thalmann@luzernerzeitung.ch

Video: Der «Rising Star» Noa Wildschut

Am 15. März 2017 trat die 16-jährige niederländische Violinistin Noa Wildschut mit dem Luzerner Sinfonieorchester im KKL Luzern auf. Dies für die zweite Ausgabe der Reihe «Rising Stars». Eine Hörprobe von Wildschuts Künsten liefert dieses Video einer TEDx-Veranstaltung in Amsterdam. (youtube.com, 16.03.2017)




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