Stiller Has: «Künstler sind eine Art Medizinmänner»

NEUES ALBUM ⋅ Schriftsteller Pedro Lenz und Sänger Endo Anaconda kennen sich seit Jahren. Jetzt sprechen die beiden über Anacondas am Freitag erscheinendes neues Album, über Dinosaurier und über die Komfortzone.
22. Februar 2017, 04:27

Interview Pedro Lenz

kultur@luzernerzeitung.ch

Endo, das neue Album von Stiller Has heisst «Endo­saurusrex». Wie denkt ein Musiksaurier wie du, wenn er auf die Gegenwart seines Landes blickt?

Wir leben in einer Art Wellnesszone, haben Heimweh statt Weltweh, hoffen auf Schneefall und die Gnade von Herrn Trump und getrauen uns nicht, die Balkontür aufzumachen. Es ist wie auf der «Titanic». Die unten ersaufen, die Holzklasse kriegt nasse Füsse. Nur auf dem Oberdeck läuft die Party, während die Schettinos dieser Welt auf dem Weg nach Panama sind. Wir sind auf dem Oberdeck.

Was ist heute das Böse?

Mein österreichischer Grossvater war im Krieg und hat den Faschismus erlebt. Dieser droht in neuer Form wiederzukommen. Die Schweiz hatte keinen Krieg. Wir nehmen ihn höchstens als seelische Verstimmung wahr.

So direkt sprichst du die Dinge in deinen Songs nicht an. Bist du weniger explizit als früher?

Es ist immer dichter geworden. Ich habe ein Jahr lang am Album geschrieben. Wenn du jung bist, machst du viele Schnellschüsse. Später liegt die Latte höher. Da kommt eine Schreibhemmung.

Du hast neue Musiker um dich geschart. Ist das eine Frischblutzufuhr für dich?

Ich bin ein Geschichtensänger. Es war inspirierend, mit Mario Batkovic und Roman Wyss zu arbeiten. Ich nehme mir die Freiheit, mit den Musikern zu arbeiten, mit denen ich arbeiten will.

Du bist ja einer von den Künstlern, die ein bisschen allen gehören. Wie gehst du damit um?

Man muss Nein sagen können. Sonst regst du dich nur auf. Ich habe während vieler Jahre ständig Kolumnen geschrieben. Ich brauchte halt das Geld. Jetzt habe ich eine GmbH und bezahle mir einen Lohn und führe einen bescheidenen Lebensstil. Schliesslich wollte ich nie reich werden. Das hätte ich wahrscheinlich geschafft, letztlich sind schon dümmere Leute reich geworden.

Im Lied «Hung» benennst du Auswüchse der digitalisierten Zeit und sagst von dir, du seist nicht digital.

Es geht im Lied eher um die Gleichzeitigkeit verschiedener Realitäten. Wir im Strandresort und die anderen im Schlauchboot, das geht nur mit Abschottung innerlich oder mit Grenzzäunen. Das bringt ein ungutes Gefühl. Wir leben in einem Land, in dem man nicht wirklich etwas richtig oder falsch machen kann. Die Flucht aus dem selbst gewählten Gefängnis wäre wie der Flug des Ikarus, und da stürzt man ab.

Die gleichzeitige Notwendigkeit und Unmöglichkeit, davonzufliegen, ist ein altes Motiv von dir.

Wenn du katholisch erzogen bist, hast du den Teufel-Jesus-Mythos drin, selbst wenn ich Agnostiker bin. Das ist eingetrichtert, und vielleicht braucht man das auch.

Wie würdest du den Sinn der Kunst benennen?

Eine Aufgabe der Kunst wäre es, spirituell zu sein in dem Ausmass, in dem die Religion diese Aufgabe verliert. Künstler sind eine Art Medizinmänner. Und je mehr die Religion diese Aufgabe verliert, desto mehr wäre es Aufgabe der Künstler, Dinge zu visualisieren, die nicht sichtbar sind.

Wie soll Kunst das schaffen?

Wie die Leute deine Arbeit interpretieren, das kann völlig unterschiedlich sein. Nimm zum Beispiel den Song «Fischele», einige Leute finden ihn extrem lustig, aber eigentlich ist es eine himmeltraurige Geschichte. Ich war in einem Altersheim und habe gesehen, wie ein dementer Patient in einem Rollstuhl vor einem leeren Aquarium sass. Der Song rührt an die Frage: Wissen wir, was in so einem Menschen vorgeht? In deren Kopf können ganze Universen sein. Und dann stopfen sie dir vielleicht gegen deinen Willen Heringsalat rein.

Wie altert man in Würde?

Was ist Würde? Das erfordert Menschenliebe. Es geht nicht, indem man sich von einem Roboter den Hintern putzen lässt. Jetzt soll man im Coop die Sachen selber einscannen. Da gehen soziale Kontakte verloren. Deshalb wehre ich mich gegen alle Arten der technologischen Entmenschlichung. Wie bei der Bahn, keine Schalter mehr, dafür mehr Videoüberwachung, mehr Leute, die einen Monitorjob machen und in der Freizeit randalieren.

Im Song «Endosaurusrex» singst du: «Scho im Toufchleid han i grännet, wöu i im Lichehemd muess ga.» Rauscht das Leben an einem vorbei?

Ja, alles geht so schnell.

Ist der Text bei dir zuerst oder die Musik?

Die Musik ist im Text bereits enthalten. Es braucht Musiker, die das erkennen.


Leserkommentare

Anzeige: