Luzerner Sängerknaben: Die erfolgreichste Boygroup unserer Region

CHORKONZERT ⋅ Die Luzerner Sängerknaben verzauberten das Publikum im winterlichen Andermatt. Dort hat man musikalisch noch viel weiter gehende Pläne.
04. Dezember 2017, 04:38

Was für grossartige Momente spiegeln diesen Abend. Es ist ein stimmungsvoller Adventsbeginn, den die Luzerner Sängerknaben in die Kirche St. Peter und Paul in Andermatt zaubern. Da erklingt unter einem weiten Bogen «Et in terra pax» aus dem grossen «Gloria» von Antonio Vivaldi, das den ganzen Teil nach der Pause füllt. Herrlich, wie die jungen Knaben dem Stück einen wechselnden Puls geben. Ihr Dirigent Eberhard Rex lässt die Melodie fliessen, gibt ihr Ebene und Weite.

Unmittelbar lässt sich hier klanglich erleben, warum Knabenchöre seit Jahrhunderten derart musikalisch faszinieren. Das helle Klingen, die klare Wucht, die Leichtigkeit der Farben ergeben eine Mischung, die mehr an jenseitige Gefilde gemahnt denn an irdische Schwere.

Sterbender Schluss zum Festgeläute

Der sterbende Schluss fällt wie geplant mit dem Dröhnen des kirchlichen Festgeläutes zusammen. Die kleine Instrumentalistengruppe begleitet hervorragend. Den Kern bilden Streicher des Luzerner Sinfonieorchesters. Sie spielen aufmerksam und lebendig, mit viel Spannung. Einfach schön ist der Einstieg in «Willkommen, süsser Bräutigam» des Streicherquartetts.

Solche Momente gibt es immer wieder an diesem Abend, zum Beispiel in den Ausschnitten aus dem Orgelbüchlein von ­Johann Sebastian Bach. Der ­Knabenchor singt hier sehr ­präzise, organisch und aus einem Guss. Die Klangbalance ist perfekt austariert, wie fast während des ganzen Abends. Einzig die Musiker werden am Anfang des Konzertes etwas gar an den Rand gedrängt.

Herausragende Solisten

Ausgezeichnet sind auch die Solisten. Thadeus Lange und Valentin Estermann singen in «Willkommen, süsser Bräutigam» sauber: klanglich ein sprudelnder reiner Quell, Töne, die in die Ferne zielen. Lorenzo Retaso singt in «Lobet, Christen, euren Heiland» von Buxtehude gestalterisch reif. Seine feine Stimme trägt weit, ist rund und weich. Herrlich sind in diesem Stück auch die Anfangssteigerung des Chores und das festliche Alleluja zum Schluss. Solche schnelle Wechsel in der Lautstärke hätte man sich noch mehr gewünscht. Nur selten sind vor der Pause jene Piani zu hören, die dem Gloria seinen Zauber geben.

Etwas weniger gut gelingen teils die schnellen Sätze. Die schwierigen Einsätze im «Dixit Maria ad Angelum» von Hans Leo Hassler wirken wenig klar. Auch im «Gloria» erreichen nicht alle Sätze den Glanz des Eingangs besprochenen «Et in terra pax».

Aber insgesamt ist es ein ausgezeichnetes Konzert auf hohem Niveau. Und es ist erstaunlich, was Eberhard Rex als Leiter der Luzerner Kantorei Jahr für Jahr mit dieser sich ständig verändernden Jungenschar erreicht. Die «gefragteste Boygroup der Zentralschweiz» (Eigenwerbung) wird so stark gebucht, dass sie dieses Jahr keine Zeit für ein eigenes Weihnachtskonzert in Luzern hat. So ist es nicht erstaunlich, dass ein stattlicher Anteil der Besucher in der gut gefüllten Kirche aus Luzern anreiste.

Grosse Pläne in Andermatt

Dies ist auch das Ziel von Jörg Conrad, der als Intendant des Andermatt Music Circle seit drei Jahren das Osterfestival und weitere Konzerte veranstaltet: «Wir sind am Herausfinden, welche Art Kultur wir anbieten können, welche Anlässe auch ein breiteres Publikum interessieren.»

Die Konzerte ausserhalb des Osterfestivals finden in der Regel im Hotel The Chedi statt. Neben dessen Gästen kommen vor allem Kulturinteressierte aus Luzern und Zürich nach Andermatt. Die Pläne gehen jedoch weiter. «Unsere Vision ist es, in drei bis fünf Jahren in den Bereich des Menuhin Festival in Gstaad zu gelangen», erklärt Conrad. Die Prognose dürfe allerdings nicht gewagt sein, dass dies angesichts der Dichte der bereits etablierten Festivals in der Innerschweiz ein schwieriges Unterfangen ist.

 

Roman Kühne

kultur@luzernerzeitung.ch

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