Luzerner beleben den Wiener Klang

JUBILÄUM ⋅ Die Festival Strings Lucerne behaupten sich seit 60 Jahren erfolgreich auf dem Markt der Kammerorchester. Möglich macht es die Verbindung von Tradition und Wandel, wie das Jubiläumskonzert mit Stargeiger Julian Rachlin belegt.

09. Oktober 2016, 05:11

Den Auftakt zur aktuellen Jubiläumssaison der Festival Strings Lucerne bildete am 21. August das Konzert im Rahmen des Erlebnistags mit dem «Principal Guest Artist» Arabella Steinbacher. Denn dieses fand fast auf den Tag genau 60 Jahre nach dem Gründungskonzert des Kammerorchesters am 26. August 1956 statt – im Rahmen der Internationalen Musikfestwochen im Kunsthaus Luzern.

Im eigentlichen Jubiläumskonzert am 16. Oktober steht wieder ein Geigenstar im Mittelpunkt: Julian Rachlin. Die Wahl dieses von Litauen nach Wien emigrierten Künstlers ist nicht zufällig, wie der Geschäftsführer Hans-Christoph Mauruschat und der künstlerische Leiter Daniel Dodds erklären. Denn Rachlin spielt das Instrument, das den Orchestergründer Wolfgang Schneiderhan während seiner Karriere hauptsächlich begleitete: die Stradivari-Geige Ex-Liebig von 1704.

Schneiderhan als Zugpferd

Damit soll unterstrichen werden, dass sich das Ensemble auch heute zum österreichischen Meistergeiger (1915–2002) und seiner Klangkultur bekennt. Schneiderhan hatte 1955 zusammen mit seinem Assistenten an den Meisterkursen für Violine, Rudolf Baumgartner (1917– 2002), die Festival Strings gegründet.

Eigentlich schwebte Schneiderhan ursprünglich ein Streichquartett vor, aber Baumgartner wollte ein Streichorchester, weil ihm bewusst war, dass es schwieriger ist, ein Quartett über längere Zeit zusammenzuhalten. Also kam es zur Gründung des Kammerorchesters, das beim Debüt an 1956 als «Streicherensemble Wolfgang Schneiderhan» angekündigt und vom Geiger vom ersten Pult aus geleitet wurde.

Schneiderhan, damals zusammen mit Arthur Grumiaux die anerkannte Instanz für Mozart, war das eigentliche Zugpferd des Orchesters. Er ebnete ihm mit seiner Verbindung zur Deutschen Grammophon Gesellschaft auch den Weg zur internationalen Medienlandschaft, bevor er von Baumgartner ausgebootet wurde – so jedenfalls liest man es in der von Franziska Schläpfer verfassten Biografie «Rudolf Baumgartner – ein Musiker mit Unternehmergeist» (Luzern 2003).

Auch Baumgartner leitete das Ensemble anfänglich vom ersten Pult aus, bis er wegen einer Fingerverletzung das Geigenspiel aufgeben musste und fortan bis zu seinem Abschied dem Ensemble als Dirigent vorstand.

Vieles ist gleich geblieben bei den Festival Strings Ausgabe 2016, aber manches hat sich verändert. Andernfalls hätte es sich nicht bis heute als wohl einziges von den Kammerorchestern behaupten können, die in der Zeit der Wiederentdeckung der Barockmusik nach dem Zweiten Weltkrieg speziell für Barockmusik gebildet wurden.

Stilistisch offener Klang

Die Stammformation ist etwas grösser geworden (16 statt 13 Instrumentalisten) und der Klangkörper kommt wie in der Frühzeit wieder ohne Dirigenten aus. Geleitet wird es vom künstlerischen Leiter Daniel Dodds vom ersten Pult aus, wie dies heute bei vielen Kammerorchestern der Fall ist. Zu Dodds führt von Schneiderhan eine indirekte Linie, war er doch Schüler von Gunar Larsens, der lange Jahre als Konzertmeister der Festival Strings wirkte.

Es gibt auch im gegenwärtigen Orchester vereinzelt Musiker, die noch von Baumgartner ins Ensemble aufgenommen wurden. Dieses Bekenntnis zur Tradition und zum warmen, leuchtenden und eher hellen Wiener Streicherklang ist Mauruschat und Dodds nach wie vor wichtig: «Durch diese Verankerung erhält das Ensemble seine Identität, die es ihm erlaubt, sich neben andern Klangkörpern zwischen grossen Sinfonieorchestern und Streicherensembles zu behaupten», sagt Mauruschat.

Das heisst allerdings nicht, dass es sich ganz auf diesen quasi wienerischen Klang fokussiert. Daniel Dodds wendet ein: «Wir pflegen einen offenen, flexiblen Klang, der je nach dem, was wir spielen, modifiziert werden kann».

Barockes Spiel und sinfonische Besetzung

Auch sonst hat sich einiges verändert. So haben Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis durchaus Eingang in das Orchester gefunden, vor allem durch die Zusammenarbeit mit dem bekannten italienischen Barockgeiger Enrico Onofri. Interessanterweise ist der erste Konzertmeister und Violinsolist des Orchesters «Il Giardino Armonico» erst durch eine Aufnahme von Vivaldis «Vier Jahreszeiten» mit Schneiderhan und den Festival Strings überhaupt auf die Barockmusik gestossen!

Dem Aussenstehenden fällt vor allem auf, dass das Orchester, das sich grundsätzlich nach wie vor als Streicherensemble versteht, das Repertoire ausgeweitet hat auf sinfonische Musik und sich jeweils mit Gastmusikern aus verschiedenen Nationen zu einem Sinfonieorchester verstärkt.

Sinfonisches im Jubiläumskonzert

Dafür ist das kommende Jubiläumskonzert vom 16. Oktober ein gutes Beispiel: Zuerst spielt das Ensemble Josef Suks Meditation über den altböhmischen Choral «St. Wenzel» und die Bearbeitung für Violine und Streichorchester des von Franz Liszt 1849 komponierten «Après une lecture de Dante» aus den «Années de pèlerinage». Zum Schluss spielen die Festival Strings als Mozart-Orchester in sinfonischer Besetzung die Prager Sinfonie.

Ein weiteres Charakteristikum für das in neuerer Zeit veränderte Orchester ist die Mitwirkung eines Weltklassegeigers wie Julian Rachlin, der neben der Liszt-Rarität das Violinkonzert Nr. 2 von Bach spielt.

Trat das Orchester früher einzig im Rahmen der Internationalen Musikfestwochen in Luzern auf, hat es bekanntlich seit einigen Jahren eine eigene Konzertreihe am Stammsitz. Höhepunkt werden zweifellos die beiden Konzerte zum 85. Geburtstag von Sofia Gubaidulina am 28. und 29. Januar 2017 sein, bei denen die Komponistin persönlich anwesend sein wird.

Hinweis

Jubiläumskonzert der Festival Strings mit dem Geiger Julian Rachlin: Sonntag, 16 Oktober, 18.30, Konzertsaal, KKL Luzern.VV: Tel. 041 226 77 77

Fritz Schaubkultur@luzernerzeitung.ch


Login


 

Leserkommentare

Anzeige: