Luzerns Comic-Export

PORTRÄT ⋅ Die drei Zeichner vom Luzerner Comicmagazin «Ampel» reisten im letzten Herbst mit der Transsibirischen Eisenbahn durch Russland. Ein Atelierbesuch kurz vorm Start ihrer Satelliten-Ausstellungen am Comix-Festival Fumetto.
24. Februar 2017, 04:29

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Die gebrauchte Espressotasse der italienischen Marke Felmoka steht vor einem braunen Teddy und verbreitet da ihre eigene Komik. Denn das Felltier sieht so abgerissen aus, als könne er eine zweite Tasse vertragen. Ein Gag? Zufall! Wie das ganze kreative Chaos im Gemeinschaftsatelier. Seit 2012 teilt sich das Luzerner Comicmagazin «Ampel» auf dem Luzerner SBB-Areal Rösslimatt den Raum mit weiteren Kunstschaffenden. Für das geplante Wohn- und Geschäftsquartier werden die Zeichner die Bürosicht aufs Abstellgleis bald aufgeben müssen. Noch ist eine neue Bleibe nicht gefunden.

Bis die Ampel für den Baubeginn auf Grün schaltet, und für die «Ampel»-Zeichner auf Rot, macht Andreas Kiener (30) erst mal so weiter wie bisher. Auch die Boxhandschuhe des sich gerade auf Reisen befindlichen Luca Bartulovic (28) und Anja Wickis (29) gelbes Kajak dürfen erst mal überm Pult hängen bleiben.

Über Mittag geht Wicki damit manchmal auf den See. Auf Wasser findet demnächst auch ihre Fumetto-Satelliten-Ausstellung «The Meaning Of Life» statt: Auf dem beim KKL geankerten Motorschiff «Rigi» zeigt die Luzernerin ihre neue Publikation mit Geschichten, in denen Lebenssinn immer wieder anders definiert wird. Kollege Bartulovic, selbst langjähriger Assistent der künstlerischen Festivalleitung des Fumetto, wird als letztjähriger Stipendiatspreisträger auch einen Satelliten bespielen dürfen.

Wikipedia gab für die «Ampel» grünes Licht

Einen bleibenden Eindruck im Stadtbild Luzerns hinterlassen hat die «Ampel» mit dem von ihnen initiierten Wandbild «Neutilus» am Neubad-Pool. Es stiehlt vielen Veranstaltungen auch Jahre später noch die Show. «Eine super Werbefläche», so Andreas Kiener. Den Namen des Magazins hatte man 2010 gemeinsam auf der digitalen Spielwiese der Online-Enzyklopädie Wikipedia ertüftelt.

Noch als Illustrationsstudenten der Luzerner Kunsthochschule klickten sich die drei durch die Hyperlinks der digitalen Wissensbibliothek. Irgendwann blieb man beim Eintrag Ampel stehen, und gab einstimmig grünes Licht. Das in den verschiedensten Formaten erscheinende und zweifarbig gedruckte Magazin war geboren. Erarbeitet wird es im Kernteam oder mit anderen Künstlern. Dabei verzichtet man bis heute konsequent auf den Magazinnamen und den Titel auf der Aufschlagseite.

2012 erhielt «Ampel» als beste studentische Publikation den Max-und-Moritz-Preis. Das Cartoonmuseum Basel widmete dem Luzerner Kollektiv 2016 gar eine ganze Ausstellung, für die Wicki, Kiener und Bartulovic zwei Lastwagenladungen Karton nach Basel verfrachteten. Es folgten unzählige Bastelstunden. Mit dem Ziel, den Besuchern die Geschichte der «Ampel»-Ausgabe Nummer 15 lebensecht nachzubauen.

Der fast wortlos zu Papier gebrachte Vater-Tochter-Konflikt wurde in den Räumen des Cartoonmuseums zu einem labyrinthartigen Rundgang durch die Gehirnwindungen zweier Menschen.

Aufwendige Handarbeit

Einfach machen es sich die drei Illustratoren nie. Seit Studiumsende sind sie freischaffend. Viele ihrer Cover und Plakate werden nach wie vor in der eigenen Siebdruckwerkstatt in Emmenbrücke gedruckt. Gebunden werden die in Kleinstauflagen von rund 300 Exemplaren erscheinenden Hefte von Hand.

Heraus sticht die liebevoll gestaltete Märchen-Ausgabe (Nummer 11). Mit ihren Initialen und Bildmotiven erinnert sie an die Bildsprache der im 19. Jahrhunderten gedruckten Märchenbände der Brüder Grimm. Die Geschichten bekannter Figuren der jüngeren Zeitgeschichte wie Michael Jackson, Natascha Kampusch oder des Serienmörders Jeffrey Dahmer werden mit dem psychologischen Konfliktstoff der Märchen verzahnt.

Mit der Transsibirischen Eisenbahn an Buchmesse

Erst im letzten November hatte das Philosophicum Basel die drei Illustratoren an die Buchmesse im russischen Krasnojarsk geladen. Man entschied sich, ein Reisetagebuch zu veröffentlichen, verliess die gewohnten Gleise vorm Gemeinschaftsatelier und ist von Moskau mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Krasnojarsk gereist. Nicht mit dem Touristenzug, sondern im normalen Zugbetrieb.

«Von Seiten des Philosophicums riet man uns vorgängig, Themen wie Homosexualität und Politik zu meiden», erinnert sich Anja Wicki. Und Kollege Kiener fügt an: «Damit konnten wir uns arrangieren. Insofern haben wir uns gleich selbst zensuriert, als wir die Reise antraten.»

Daran gehalten hat sich das «Ampel»-Team, das im letzten Winter einen nicht ganz jugendfreien Adventskalender herausgegeben hat, zum Glück nur bedingt. Denn gleich in der ersten Episode ihres auf Deutsch und Russisch erschienenen Reisetagebuches rauschen die Bilder der russischen Propaganda-Medienmaschine «Russia Today» seitenweise an einem vorbei. Der Fernseh-Liveticker wirft Schlagzeilen: «EU and US are killing children». Man sieht zwei syrische Kinder in der onkologischen Abteilung eines Spitals in Aleppo. Die Krux: Die Moderatoren heissen Tyrel Ventura und Tabetha Wallace, und man kennt sie aus der Sendung «Watching The Hawks» des Fernsehsenders RT America, dem US-Ableger von «Russia Today».

Bis auf das Cover und die Einstiegsseiten mit dem Inventar des Reiseequipments haben die drei alles während ihrer zweiwöchigen Russlandreise produziert. Auch gedruckt wurde gleich vor Ort. Einfach war das nicht. Die Schienen der sibirischen Eisenbahnen waren keine gute Mal­unterlage.

Das meiste entstand schliesslich an der Buchmesse selbst, wo man die Seiten am Leuchtpult produzierte und vor Ort verteilt hat. Da blieb nicht viel Zeit für Korrekturen. Und so erleben wir immerhin den künstlerischen Prozess – völlig unzensuriert.

Stargast am internationalen Comix-Festival Fumetto in Luzern ist die Kanadische Comic-Künstlerin Julie Doucet. Das Festival findet vom 1. bis 9. April in Luzern und Emmenbrücke statt.


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