Mal skrupellos – mal mitfühlend

KINO ⋅ «Marija», der erste Langspielfilm des Luzerners Michael Koch, ist für den Schweizer Filmpreis nominiert. Es ist das starke Porträt einer jungen Immigrantin, die mit fast allen Mitteln um ein besseres Leben kämpft.
27. Februar 2017, 04:29

Irene Widmer (SDA)

kultur@luzernerzeitung.ch

Die Ukrainerin Marija arbeitet für vier Euro die Stunde in Dortmund als Zimmermädchen im Hotel. Der Grossteil des Lohns geht für die Miete eines baufälligen Rattenlochs drauf. Vom kärglichen Rest vermag sie noch etwas zu sparen, um sich den Traum vom eigenen Coiffeursalon zu erfüllen. Damit sie ihr Ziel schneller erreicht, lässt sie im Hotel ab und zu etwas mitgehen. Das kostet sie den Job.

Doch Marija will kein Opfer sein. Sie kommt etwa von selber auf die Idee, ihre Miete mit sexuellen Gefälligkeiten zu bezahlen, dadurch behält sie ein gewisses Mass an Selbstachtung. Doch diese ist permanent gefährdet: Um zu Geld zu kommen, hilft sie etwa mit schlechtem Gewissen ihrem türkischen Vermieter Cem dabei, Einwanderer abzuzocken.

Verliebt in zwielichtigen, aber sympathischen Chef

Doch bald eröffnet sich Marija eine lukrativere Gelegenheit: Der zwielichtige, aber sympathische Bauunternehmer Georg, der Schwarzgeldgeschäfte mit Russen macht, stellt sie als Assistentin an. Ihre Aufgabe ist es, die Russen dank ihrer Sprachkenntnisse heimlich auszuhorchen, um ihrem Chef einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen.

Ihr Einkommen steigt, der Coiffeursalon rückt in greifbare Nähe – und Marija verliebt sich in Georg, was sie fast zu dessen ehrbarer Partnerin macht. Erstmals sieht man sie lachen. Aber da ist noch der Vermieter Cem, der sie offenbar liebt. Es gäbe die Möglichkeit, durch Verrat an ihrer Liebe ihr Ziel auf einen Schlag zu erreichen. Widersteht sie der Versuchung? Kommt sie unbeschadet und erhobenen Hauptes aus dem Schlamassel raus?

Der Film «Marija» besticht dank einer Hauptfigur, wie man sie so noch selten gesehen hat: Mitgefühl und Skrupellosigkeit schliessen sich bei ihr nicht aus. In ihrem Quartier, der Dortmunder Nordstadt, leben Menschen aus 130 Nationen. Und das ist keine solidarische Gemeinschaft, sondern eine, wo man entweder beschissen wird oder selber bescheisst. Vertrauen, heisst es ­einmal im Film, ist wie Jungfräulichkeit: einmal verloren, ist es nicht wiederherstellbar. Das Misstrauen, die stete Wachsamkeit, ist Marija praktisch ständig ins Gesicht geschrieben, ebenso wie die Entschlossenheit.

Regisseur Michael Koch rückt Marija sehr nahe, die Kamera schaut ihr oft minutenlang beim Denken zu. Das schafft einen hohen Grad an Authentizität, ohne den die Protagonistin nur ein berechnendes Miststück wäre.

Sich den Schauplatz zu eigen machen

Man habe viel geprobt, erklärten die Hauptdarstellerin Margarita Breitkreiz und «Cem» Sahin Eryilmaz am Filmfestival Locarno, wo der Streifen im Hauptwettbewerb lief. Man habe sich vor allem mit den Schauplätzen vertraut gemacht, ergänzte der Regisseur. Ziel sei es gewesen, dass die Schauspieler Automatismen entwickelten, als würden sie wirklich dort leben. Das ist geglückt.

Dass Michael Koch als Hauptdarsteller in «Achtung, fertig, Charlie!» berühmt wurde, ist längst vergessen. Seither hat er Film studiert und mit drei Kurzfilmen jede Menge Preise eingefahren. «Marija» ist ein Versprechen für die Zukunft.

Bewertung: 4 von 5 Punkten

Video: Marija - Trailer

Drama von Michael Koch. Kinostart: Donnerstag, 2. März 2017. (21.02.2017, Tel-A-Vision)




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