Mit den Finnen Fischsuppe löffeln

ROMAN ⋅ Der Krienser Autor Heinz Stalder spannt in «Bärenlieder» den Erzählgarn des finnischen Nationalepos bis in die Gegenwart. Ob und wann er uns einen Bären aufbindet, wird nie ganz klar.

27. März 2016, 05:00

Im Sommer tauen die Finnen auf. Mit einer gemeinsam verspeisten Fischsuppe und aufgewärmten Geschichten bringen sie ihre vom Winter frostig gewordenen Freundschaften wieder auf Betriebstemperatur. In Heinz Stalders Roman «Bärenlieder» stimmt eine Hand voll Finnen kurz nach Mittsommer, mit Blick auf ein Gewässer mit dem verheissungsvollen Namen Elfensee und vor den kräuselnden Rauchsäulen der angeheizten Saunas, gemeinsam ins Erzählen ein. Und das mit der Gemächlichkeit von 253 Romanseiten.

Lebend zur Legende werden

Es sind naturverbundene Menschen. Menschen, welche die Höhepunkte ihres Lebens längst hinter sich haben und es nun in den Tiefen der finnischen Wälder vielstimmig zu Heldensagen ausbauen, wie man sie aus dem finnischen National-Epos «Kalevala» kennt, dieser im 19. Jahrhundert verschriftlichten Sagensammlung, aus welcher der Finne noch heute sein Selbstverständnis schöpft.

Heinz Stalder lässt uns also an der Genese von Sagen teilhaben. Man kann förmlich beobachten, wie diese verschworene Gemeinschaft, die sich freundlich den Erzählgarn zuwirft, aus Halbwahrheiten sprachgewandt Wahrheiten webt. Etwa, wenn Kriegsveteran und Bootsbauer Tapio sein Versagen bei einem Bootsrennen auf ein paar Nebelelfen zurückführt. Sie sollen ihn an der Weiterfahrt gehindert haben. Gegen die formvollendete Schönheit einer solchen Behauptung kommt selbst die Nüchternheit von Tapios Frau Aino nicht an, deren Name auch im «Kalevala» fällt. Erzähltrunkenheit ja. Nur der Alkohol, der ist beim Fischsuppenlöffeln tabu.

Heinz Stalder, der hier wie viele vor ihm Sagen in die Gegenwart fortschreibt, weiss, wovon er spricht. Der in Kriens lebende und im bernischen Allenlüften geborene Autor und Journalist lebt selber von Zeit zu Zeit in den finnischen Wäldern. Wer seine 2010 erschienene Sammlung aus feuilletonistischen Stücken kennt («1001 See. Finnische Mythen und Momente»), wird vieles davon in «Bärenlieder» wiederentdecken. Leider scheint aus manchen Passagen mehr der Journalist als der Autor Stalder zu sprechen. Der mit Beobachtungen über die finnische Volksseele angereicherte Roman droht an manchen Stellen sich in einen Reiseführer zu verwandeln.

Flickenteppich aus Geschichten

Auch der russische General Suworow, der einst die Alpen überquerte und den Stalder 2010 für das Freilichtspiel in Andermatt in einem Theaterstück neu zum Leben erweckte, taucht bei einer finnischen Tombola Gewinn bringend wieder auf: als Motiv auf einem Teppich. Der Roman erinnert in seiner Machart ebenfalls ein wenig an einen Flickenteppich aus Geschichten. Möglich, dass Stalder diese offene Form bewusst gewählt hat, um den ursprünglich mündlich weitergegebenen Sagenschatz des «Kalevalas» zu imitieren. Doch die losen Enden und gewisse Redundanzen lassen Zweifel aufkommen, ob Stalder bei der Ordnung seines reichen Wissensschatzes immer den Überblick behalten hat.

Harmonisch hingegen, wie der Autor der mündlichen Tradition des Geschichtenerzählens feine Anklänge gibt. Dem Laut wird dieselbe Wertschätzung entgegengebracht wie der Bilderbuchlandschaft, in der er spielt. Zum einen über die Figur der ehemaligen Opernsängerin Raili, die jeden Vogel an seiner Stimme erkennt, aber auch allein schon über die Aufzählung der lautmalerischen Vogelnamen der finnischen Sprache. Die Geräusche aus Wald und Wiese geben gleichberechtigt mit den visuellen Reizen Anreize für neue Gesprächsthemen. Dass einmal gefallene Begriffe von den Gesprächspartnern wortspielerisch wieder aufgenommen werden, erinnert ebenfalls an die mündliche Erzähltradition dieser Sagen und der Erinnerungsstützen, derer man sich bediente.

Anders als im Nibelungen, wo sich die oberen Stände die Köpfe einschlagen, richtet das «Kalevala» den Fokus aufs einfache Volk und seine Fertigkeiten. Auch Stalders Finnen sind bis auf die Opernsängerin Raili und den Musikwissenschaftler Jukka, in dessen Aussenseiterposition man das Alter Ego des Autors vermuten darf, Menschen vom Land, die ihre Instinkte an der Natur geschärft haben. Der interessanteste ist Jussi, der Jäger und ehemalige Taxifahrer, der sich bei seinen Chauffeurdiensten zum Konzerthaus bei seiner gebildeten Kundschaft ein beeindruckendes Wissen über klassische Musik angeeignet hat.

Nokia und das Schulsystem

Das «Kalevala» ist bis heute ein wichtiger Baustein der finnischen Identität. Es ist konsequent, dass Stalder die alten Helden mit den Sport- und Musikhelden der Neuzeit vereint. Doch die Erzählfäden, die in die Gegenwart auslaufen und vom Niedergang der Nokia-Telefone und vom exzellenten finnischen Schulsystem berichten, erzählen wenig Dringliches und verirren sich zuweilen in Belanglosigkeiten. Schade, dass dieser atmosphärisch dichte Roman so keinen rechten Abschluss findet.

Julia Stephan

Heinz Stalder: Bärenlieder. Pro Libro, 268 Seiten, Fr. 29.–.


Login


 

Leserkommentare

Anzeige: