«Musik ist fast immer politisch»

LUCERNE FESTIVAL ⋅ Chaya Czernowin aus Israel weilt als Gastkomponistin in Luzern. Sie ist überzeugt: Musik bringt eine Haltung zum Erklingen.
24. August 2013, 05:00

Schon bei der Begrüssung muss ein Missverständnis geklärt werden. Chaya Czernowin (55), Gastkomponistin am Lucerne Festival, kann mit den Namen des Fotografen und des Interviewers nichts anfangen. Kein Wunder, denn wir sollten uns mit unseren Vornamen vorstellen. So kommt schon vor dem eigentlichen Gespräch jene Direktheit zum Vorschein, von der die heute in Deutschland, Japan und den USA lebende Komponistin meint, sie sei typisch für Israel, wo sie geboren und aufgewachsen ist.

Chaya Czernowin, Sie sind als Gastkomponistin ans Lucerne Festival gekommen, das sein 75-Jahr-Jubiläum mit dem Thema Revolution feiert. Wie verstehen Sie Ihre Rolle in diesem «Revolutionssommer»?

Chaya Czernowin: Das weiss ich nicht genau, das wird vielleicht die Zukunft zeigen. Aber bei der Einladung könnte eine Rolle gespielt haben, dass ich eine Frau bin – davon gibt es unter Komponisten nicht so viele. Zudem bin ich während der 68er-Bewegung gross geworden, die auch in Israel eine ganze Generation geprägt hat. Es war die Zeit, als welterfahrene Leute ins Land kamen und so die Vorstellungen eines offenen Israel.

Bei der Eröffnung des Festivals hiess es, das Thema sei «die Revolution in der Musik». Damit wird die Politik ausgeklammert. Aber lässt sich Musik von Politik überhaupt trennen?

Czernowin: Ich glaube, Musik ist fast immer politisch. Denn Musik ist nicht einfach ein Objekt; sondern wenn man Musik hört, so hört man eine Haltung. Und diese Haltung kann konservativ, progressiv, revolutionär, konventionell usw. sein. Die Haltung kommt gewissermassen zum Erklingen.

Ist also Ihr Stück «At the Fringe of Our Gaze», das Daniel Barenboim mit dem West-Eastern Divan Orchestra im KKL uraufgeführt hat, auch ein politisches Projekt?

Czernowin: Ich möchte die Frage zurückgeben: Klang es für Sie politisch?

Mir schien das Programm als ganzes politisch: dass Wagner- und Verdi-Ouvertüren am gleichen Abend gespielt wurden sowie ein Werk von Ihnen als gebürtiger Israelin und vom jordanischen Komponisten Saed Haddad. Dann das Orchester, in dem Israelis, Palästinenser und Spanier gemeinsam musizieren.

Czernowin: Aber das sind äusserliche Zusammenhänge. Wir können die Musik selber politisch betrachten. In meinem neuen Stück, zu Deutsch etwa «Am Rand unseres Blick(feld)s», findet ein Prozess statt, bei dem die sechs Soloinstrumente am Anfang kaum, dann allmählich als fremde Klänge wahrgenommen werden. Durch ihre Sogwirkung erweisen sie sich aber plötzlich als Teil der Musik, die dadurch wiederum selber unerwartet fremd wirkt. Ähnlich verkennen wir die gesellschaftliche Realität, solange wir die Randgesellschaften nicht als wesentlichen Teil von ihr wahrhaben wollen.

In Israel sind Wagner-Aufführungen offiziell verboten. Wagner, der antisemitische Wortführer, ist für Sie als Jüdin eine Selbstverständlichkeit?

Czernowin: Nein, das ist ein schwer wiegendes Problem. Zum einen scheint mir der antisemitische Wagner ein Kind seiner Zeit zu sein; der Antisemitismus war im ausgehenden 19. Jahrhundert Teil gesellschaftlicher Konvention. Zum anderen erkenne ich die moralische Verfehlung. Aber warum sollte es mich daran hindern, Wagner als Komponisten zu schätzen? Sein Werk ist schliesslich ein Meilenstein der westlichen Musik. Gesualdo war ein Mörder; sollte ich deshalb seine Musik nicht hören?

Sie haben doch selber erklärt, dass die Musik Ausdruck einer Haltung sei. Gilt das nicht für Wagner?

Czernowin: Doch, gerade bei ihm ist das sehr stark spürbar. Mich interessiert allerdings nicht primär, was er geschrieben und geredet hat, sondern seine Haltung in der Kunst. Da höre ich unverkennbar einen grössenwahnsinnigen Menschen. Was aber könnte der Kunst Besseres passieren, als dass ein Megaloman sie auf ein so hohes Niveau treibt? Die Kunst ist nicht eine kleine Vitrine für die moralisch Guten, sondern sie reflektiert das ganze Leben, auch das der Bösen, der Unmoralischen, der Verrückten und der Antisemiten. Alles andere führt zu einer Funktionalisierung der Kunst, die ihr das Leben nimmt.

Im Luzerner Theater wird Ihr Werk «Pnima ... ins Innere» aufgeführt. In dieser Oper geht es um den Holocaust und dessen Aufarbeitung. Im Grunde aber, sagen Sie, handelt das Werk ganz allgemein davon, wie wir mit traumatischen Erfahrungen umgehen. Lässt sich der Holocaust mit anderen Formen von Traumata vergleichen?

Czernowin: Mir geht es nicht einfach um einen allgemeingültigen Vergleich, der von den Besonderheiten des Holocausts abstrahiert, sondern um ein tieferes Verständnis des Problems – dessen Essenz. Und im Lichte dieser Essenz können wir den Holocaust durchaus als Paradigma verstehen, das heisst als ein Ereignis, das über sich hinausweist. Ich wehre mich mit der Oper «Pnima» gegen die Stilisierung des Holocausts als unnahbares Ereignis der Geschichte. Das ist eine Form der Vereinnahmung, die nicht zuletzt der Politik dient. Ich verstehe meine Arbeit als Komponistin eher in einer talmudischen Tradition, die Eindeutigkeit, auch im Stil, vermeidet.

Hinweis

Konzert mit Werken von Chaya Czernowin: Heute Samstag, 11 Uhr, Lukaskirche, Luzern, mit Quatuor Diotima und Jack Quartet.

«Pnima ... Ins Innere», Kammeroper von Chaya Czernowin. Premiere am Donnerstag, 29. August, 19.30 Uhr, Luzerner Theater. www.luzernertheater.ch, 041 228 14 14

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Lesen Sie morgen in der «Zentralschweiz am Sonntag» über die erste Klassik-Club-Lounge des Lucerne Festival im Bourbaki Luzern.


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