Tobi Gmür – neu ins Leben eingespurt

ALBUM ⋅ Einen Schritt vorwärts macht Tobi Gmür mit seinem aktuellen Album: «Winterthur» erzählt mit guter Gelassenheit vom Leben knapp über 40.

24. November 2016, 07:33

Das «Riiserad» wird plötzlich riesig gross, wenn der schwungvolle Refrain einsetzt und den Song in den Ohrwurm-Himmel lüpft. «D Stephanie ufem Riiserad, mer gsehnd bes uf Alpnach Stad», singt Tobi Gmür, und «dehäi schtohd scho s Znacht parat»: Zwei kleine Teenager, die sich nach der Schule abgesetzt haben und mit klopfendem Herzen ein Abenteuer erleben. Die Welt der frühen Jahre klingt auch im nächsten Song an: «Woni jong gsii be» blendet in das wilde Haus der Kindheit zurück, in dem die Grossen daran glaubten, «bald wärdi alles andersch».

Nach diesem sentimental-schönen Einstieg ins Album folgt mit «Nömm det abe» ein dunkler Einbruch. Der Protagonist erinnert sich nochmals mit Schauder an vergangene Seelenpein – und niemals möchte er wieder dorthin zurück, «nömme det abe, nömme zrogg». Mit seiner beklemmenden Atmosphäre und schlichten Eindringlichkeit fällt der Song auch musikalisch auf und erweitert die Palette eines Albums, das zuallererst durch ­seinen gelassen-optimistischen Grundton auffällt.

«Kann jetzt besser geniessen»

Die neuen Lieder von Tobi Gmür haben eine freundliche, ja zuversichtliche Aura. Man bekommt das Gefühl, dass da einer mit seinen 43 Jahren neu ins Leben eingespurt ist. Ist das die Mitte des Lebens, die zu Vernunft ruft, die das Vergangene besser integrieren und das Gegenwärtige gelassener angehen kann? Tatsächlich habe er es positiver als den Vorgänger «Sincereley, T. Gmür» angehen wollen, sagt Gmür. «Dort habe ich mehr gehadert mit den Umständen, die einem ein Leben bescheren kann.»

Der Musiker und Produzent, der als Jugendlicher mit den unbeschwert rockenden Mothers Pride einen ersten Höhenflug erlebte, brauchte seine Zeit, um nach mitunter etwas getrübten Phasen das Leben wieder etwas lockerer angehen zu können. Vor anderthalb Jahren ist er wieder Vater geworden, die neuen Familienverhältnisse stimmen, und auch finanziell, sagt er, habe er erstmals weniger Stress. «Das macht mein Leben einiges leichter und entspannter, und ich kann es auch besser geniessen.»

Das hört man seiner Musik an. Es sind keine poliert aufgeblasenen Pop-Mönsterchen, sondern erwachsen gewordene Songs, die stimmig harmonieren, gut arrangiert sind und die Dinge auch mal rockig aufblühen lassen können. Die Liebe wird besungen («Chopf») oder die eigene Psyche reflektiert («Schlengel»). Ein intimer Song ist «Weni nome chönnt», der als eine chansoneske Verneigung vor Hösli zu verstehen ist, begleitet mit kargen elektrischen Gitarrenakkorden.

Arbeit mit vertrauten Musikern

«Winterthur» wurde ebendort im Studio von David Langhard aufgenommen, der als Admiral James T. selber ein paar feine Alben abseits des Schweizer Pop-Tingeltangels eingespielt hat. «Ich wollte schon länger bei ­David Musik aufnehmen. Sein von den 1950/1960er geprägter Sound hat mich immer angesprochen.» Die CD wurde bereits vor einem Jahr aufgenommen und war in wenigen Tagen eingespielt.

Die Band besteht aus den gleichen Musikern, die schon auf dem Vorgängeralbum dabei waren. Den Gitarristen Sämi ­Gallati, mit dem Tobi Gmür Mothers ­Pride gegründet hatte, kennt er seit Kindstagen. Die beiden sind im gleichen (Künstler-)Haus aufgewachsen. Gallati hat zwei Songs beigesteuert, unter anderem «Woni jong gsii be». Er ist mit seiner tadellosen Gitarrenarbeit ohnehin ein Gewinn.

«Nachdem ich ein paar Jahre ohne Sämi Musik gemacht habe, wollte ich ihn unbedingt wieder dabei haben», sagt Gmür. Desgleichen Kuno Studer, der auch bei den späten Mothers Pride dabei war: «Ich finde, die beiden sind ein tolles Gitarrengespann. Also verzichtete ich auf die Gitarre und wechselte zum Bass.» Mit Rafi Woll ist schliesslich ein gewiefter und sehr erfahrener Schlagzeuger an Bord, der auch als Arrangeur das Album mitgeprägt hat.

Da schwirrt noch vieles herum

Fragt man Tobi Gmür nach seinen bevorzugten Bands, nennt er «all das, was ich immer schon gerne gehört habe», wie The Beatles oder Depeche Mode. Von den Mundart-Bands habe er einzig Züri West richtig gemocht, und wenn er an heute denkt, fällt schnell der Name Pink Spider. «Sie haut mich jedes Mal um, wenn ich sie höre.»

Doch mehr als Musik von andern zu hören, ist Gmür in der letzten Zeit mit den Melodien und Riffs beschäftigt, die im Kopf herumschwirren. Auch wenn es ihm nicht an Songideen mangelt, möchte er in Zukunft vermehrt noch mit andern Songschreibern zusammenarbeiten. Mit einigen ist er bereits in Kontakt. Von seinem Plan, den er sich vor zwei Jahren in den Kopf gesetzt hat, will er sich nicht abbringen lassen. «Zwar hat sich das jetzige Album ziemlich verzögert: Aber ich habe weiterhin vor, jedes Jahr eine neue Platte aufzunehmen.»

Pirmin Bossart
kultur@luzernerzeitung.ch

Lied aus Gmürs neuem Album «Winterthur». Ab 25. November 2016 im Handel erhältlich. (youtube.com, 24.11.2016)




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