Ohne Jonas

KLEINKUNST ⋅ Ohne Rolf zeigten bei der Premiere ihres Programms «Seitenwechsel» neue Seiten. Das Publikum durfte auch mitblättern.
04. November 2016, 08:18

Julia Stephan

«Never change a running system.» «Ändere nichts, was funktioniert.» Für viele Bereiche des Lebens mag dieser Leitsatz stimmen. In der Kunst ist er eine fatale Kreativitätsbremse. Und ausbremsen lassen sich oft gerade diejenigen Künstler, die auf der Erfolgsspur sind.

Den Luzerner Kleinkünstlern Jonas Anderhub und Christof Wolfisberg von Ohne Rolf droht diese Falle andauernd. Sie haben ein so geniales wie einfaches Bühnenformat erfunden, das in der ganzen Welt funktioniert.

Statt des Kabarettisten liebstes Sprachorgan – die Stimme – zu erheben, behelfen sich die zwei bei ihren Dialogen mit gedruckten Plakaten in Arialschrift. Was die Sache so verrückt macht: Den ganzen Gefühlshaushalt, den eine Stimme neben der sachlichen Message normalerweise mittransportiert, drängt unter der plakativen Oberfläche mit ihren typografischen Spielereien heftig an die Oberfläche. Ohne ihre Stimme zu erheben, schaffen die beiden mit schreienden Lettern und solchen, die sich quer in die Landschaft stellen, so etwas wie einen emotionalen Subtext, den man bei der gesprochenen Sprache selten bewusst wahrnimmt.

Erstmals die Stimme benutzt

Drei plakative Programme («Blattrand», «Schreibhals», «Unferti») haben Ohne Rolf seit 2004 gedruckt. 2014 und 2015 erhielten sie dafür den Deutschen Kleinkunstpreis sowie den Deutschen Comedypreis. Mit ihrem vierten Programm «Seitenwechsel», das sie am Mittwochabend im ausverkauften Luzerner Kleintheater erstmals durchgeblättert haben, beweisen sie: Es lohnt sich, die selbst gewählten Formatvorgaben immer wieder neu zu hinterfragen.

Der «Seitenwechsel» steht nicht nur im Programmtitel, er ist auch Programm. Erstmals melden sich die zwei unter dem Einfluss der Hypnose mit piepsigen Stimmen auch lautlich zu Wort. Bis die Rolfs wieder zu sich finden – also schweigen! –, steht für Minuten nichts mehr als das ganze Kabarettformat auf dem Spiel. Ein verrücktes Experiment, das einem die ungewohnte Bühnensituation, an die man sich gewöhnt hat, wieder bewusst macht.

Als wollten es die zwei für einmal «mit» und nicht «ohne» ihren «Rolf» versuchen, haben sie ein drittes Stehpult zwischen sich platziert. In einem Bewerbungsverfahren soll eine Nachfolge für Jonas Anderhub ermittelt werden. In der interaktiven Show laden die zwei ausgewählte Zuschauer für ein Bewerbungsgespräch auf die Bühne und lassen sie nach einigen Trockenübungen kräftig mitblättern. Da ist der indische IT-Spezialist, der mit Ja- und Nein-Antworten jede Selbstdarstellung zurückweist. Dort die meinungsstarke, aber meinungsstarre Journalistin, welche den Rolfs erklärt, wie sie das Abc des Journalismus, die fünf W-Fragen (wer, was, wo, wie, warum), im Bewerbungsgespräch einzusetzen haben.

Ein Notarzt fasst seinen stressigen Tagesablauf in Stichworten zusammen (Herz – Schnitt – Blut – Puls). Sein Bewerbungsgrund: Zeitdruck. Worauf die Rolfs mit ihrer umwerfend komischen Küchenphilosophie gleich den nächsten flotten Spruch hinblättern: «Unser Leben ist auch vom Druck bestimmt.» Einen Bewerber, der sich sein eigenes Geblätter anschauen will, weisen sie mit «Sie schauen Ihre Sätze beim Sprechen auch nicht an» zurecht. Die Plakate mögen den Zuschauern beim Blättern optisch unter die Gürtellinie gehen. Zu befürchten haben sie nichts. Das Konzept der Show ist klar, die Reihenfolge der Plakate vorgegeben. Selbst wenn die gelassenen Bühnenkünstler mal ausrasten oder ironisch werden sollten, würde das in Fett- und Kursivschrift passieren. Vielleicht haben die Zuschauer bei der Premiere auch deshalb furchtlos und souverän mitgeblättert.

Ohne dass man es merkt, verzettelt sich der Abend in die merkwürdigsten Gebiete. Ohne Rolf verlieren sich im Kleingedruckten von Versicherungen, zeigen Plakate mit Wasser- und Hagelschaden. Und führen ressourcen- beziehungsweise pa­pierverschwenderische Debatten über Umweltschutz.

Aber Ohne Rolf verharren nicht in der nüchternen Reflexion ihrer Mittel. Sie zaubern mit ihren Plakaten Hasen weg und nutzen ihre Textflächen zum Erzählen von Stummfilmen.

Ein eigenartiger Fatalismus

In diesem Blättern von Plakaten in einer vorgegebenen Reihenfolge liegt ein eigenartiger Fatalismus. Die Spontanität des Auftrittes ist eine Täuschung, der wir gerne erliegen, wenn Ohne Rolf «aus Versehen» das Pointen-Plakat vor einen Witz stellen. Irgendwann werden ihnen die Plakate aber ausgehen. Und dann ist Schluss. Das wissen sie. Das wissen wir.

In «Seitenwechsel» machen Ohne Rolf aus den Grenzen ihrer Kunst ein grossartiges philosophisches Gedankenexperiment. Sie laden den personifizierten Tod in Form eines Zuschauers auf die Bühne. Der nimmt Jonas Anderhub schliesslich noch vor der letzten Seite ins Jenseits. Kollege Wolfisberg blättert die verbliebenen Seiten alleine durch. Ein nachdenkliches und sehr gewagtes Gedankenspiel über die Relativität des Todes und die Unsterblichkeit von Kunst.

  • Neue Luzerner Zeitung AG
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Die Luzerner Jonas Anderhub (links) und Christof Wolfisberg vom Duo Ohne Rolf sprechen nicht. Sie blättern. Vor der Premiere von «Seitenwechsel» am Mittwoch im Luzerner Kleintheater (Aufführungen bis 13. November, noch wenige Karten erhältlich) zeigen sie sich in einem speziellen Interview ganz als Männer ihres Formats.

Hinweis

Ohne Rolf – «Seitenwechsel». Für die Vorstellungen im Luzerner Kleintheater bis zum 13. November gibts noch Restkarten. Am 12. 11., 23.00: Disco mit Ohne Rolf. www.kleintheater.ch


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