Dirigent Pierre Boulez gestorben

TODESFALL ⋅ Im Alter von 90 Jahren ist der berühmte französische Dirigent, Komponist und Musikwissenschaftler Pierre Boulez gestorben. Boulez hat die Musikstadt Luzern entscheidend mitgeprägt.

06. Januar 2016, 14:43

Er verschied am Dienstag in seinem Wohnort Baden-Baden in Baden-Württemberg. Boulez war einer der bekanntesten zeitgenössischen Komponisten der Welt und genoss als Orchesterleiter hohes Ansehen. Zusammen mit Karlheinz Stockhausen und Luigi Nono gehörte er zu den herausragenden Vertretern der musikalischen Avantgarde, speziell der seriellen Musik.

Boulez wurde unter anderem mit 26 Grammys, dem Praemium Imperiale und dem Kyoto-Preis ausgezeichnet. 2015 wurde ein Asteroid nach ihm benannt.

In einer Pressemitteilung der Pariser Philharmonie würdigte seine Familie seine "kreative Energie", seinen "künstlerischen Anspruch" und seine "Grosszügigkeit". "Seine Präsenz wird lebendig und intensiv bleiben."

Wichtiger Impulsgeber für Luzern

Pierre Boulez hat die Musikstadt Luzern mitgeprägt. Als Begründer und Leiter der Talentschmiede Lucerne Festival Academy entwickelte er das Lucerne Festival weiter, als Ideengeber für ein neuartiges Musiktheaterhaus belebte er die kulturpolitische Debatte.

Boulez hatte 1975 am Pult der New York Philharmonic seinen Einstand am Lucerne Festival gegeben und blieb diesem treu. Lucerne Festival verdanke Boulez einen unschätzbaren Beitrag zur Weiterentwicklung, teilte Festival-Intendant Michael Haefliger am Mittwoch mit.

2003 begründete Boulez die Lucerne Festival Academy, an der jedes Jahr 130 junge Musikerinnen und Musikerinnen moderne und zeitgenössische Werke einstudieren und zur Aufführung bringen. Unterrichtet werden sie von Mitgliedern des von Boulez gegründeten Ensemble intercontemporain, aber auch von renommierten Komponisten und Dirigenten wie Peter Eötvös, Simon Rattle oder Heinz Holliger.

Weil Boulez gesundheitlich angeschlagen war, konnte er 2014 und 2015 nicht mehr selbst an «seiner» Academy teilnehmen. Lucerne Festival suchte deshalb nach einer neuen Leitung für die Talentschmiede. Diese wird ab 2016 künstlerisch vom Komponisten Wolfgang Rihm geleitet, als Chefdirigent amtet Matthias Pintscher.

Welchen Stellenwert Boulez für das Lucerne Festival hatte, zeigte sich im letzten Sommer, als es ihm mit einem eigenen Festivaltag mit elf Konzerten zum 90. Geburtstag gratulierte. Vor knapp zwei Jahren, im Januar 2014, hatte Lucerne Festival mit dem Tod von Claudio Abbado bereits eine prägende Figur verloren.

Boulez könnte sich aber auch im Stadtbild Luzerns verewigen. Er brachte 2007 zusammen mit Lucerne Festival die Idee auf, in Luzern einen flexiblen Musiktheatersaal zu realisieren. Mit dem Projekt für eine «Salle Modulable» war Boulez - der Jahrzehnte zuvor Opernhäuser mit ihrem erstarrten Betrieb in Schutt und Asche legen wollte - zuvor in Paris gescheitert.

Die Realisierung der «Salle Modulable» erwies sich indes auch in Luzern als schwierig. Rechtshändel verzögerten den Bau. Boulez' Input führte aber dazu, dass Luzern über eine Neugestaltung seiner Theaterlandschaft nachdenkt. Eröffnet werden soll der flexible Aufführungsraum 2023.

(sda/afp)


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