Salle Modulable reduziert auf ihren Kern

BERLIN ⋅ Der Dirigent Daniel Barenboim hat einen Musiksaal mit flexibler Bühnenordnung bauen lassen. Seine Salle Modulable ist kleiner konzipiert als das gescheiterte Luzerner Projekt, steht aber gerade darin der Ursprungsidee von Pierre Boulez näher.
12. April 2017, 05:00

Simon Bordier, Berlin

kultur@luzernerzeitung.ch

Programmhefte rascheln, es wird getuschelt und geredet, plötzlich fällt etwas zu Boden – und oben im Balkon ist alles deutlich hörbar. Vielleicht zu deutlich? Zumindest fällt einem die Hellhörigkeit des unlängst eröffneten Pierre-Boulez-Saals in Berlin auf, noch bevor die Musiker die Bühne betreten. Wobei: Bühne ist etwas viel gesagt. Es handelt sich um eine ovale Fläche, die in der Mitte zwischen den ringförmig angelegten Sitzreihen frei gehalten ist.

Das Ringprinzip wird konsequent durchgezogen: Das Ensemble des Abends, das Belcea Quartet, stellt sich im Kreis auf, zwei Meter entfernt sitzen die ersten Hörer, dann folgen Tribünen und zwei Balkonreihen, die in elliptisch geschwungenen Linien über dem Parkett schweben.

Spätfolgen einer Idee von Pierre Boulez

Die Idee dazu hatte der argentinisch-israelische Dirigent und Pianist Daniel Barenboim (74). Er verwirklichte damit auf seine Weise, was einem anderen grossen Musiker, dem 2016 verstorbenen Pierre Boulez, nicht vergönnt war: den Bau eines flexiblen, speziell für die Kammermusik und modernes Repertoire konzipierten Saals. Dazu gehört, dass sich die Sitzreihen im Parkett und der Bühnenbereich frei anordnen lassen. Boulez wollte diese Salle Modulable bereits Ende der 1980er-Jahre in Paris bauen, was aber Wunschtraum blieb. Bekanntlich wurde die Idee Jahre später in Luzern aufgegriffen und zum Opern-Multifunktionsbau erweitert: Die Salle Modulable sollte für rund 200 Millionen Franken als Ersatz für das heutige Luzerner Theater auf dem Inseli gebaut werden.

Die Berliner Salle Modulable geht gegenüber dem gescheiterten Luzerner Projekt stärker auf Boulez’ Grundidee zurück. Der Saal mit knapp 700 Plätzen ist in einem ehemaligen Magazin­gebäude der Staatsoper Unter den Linden untergebracht. 35 Millionen Euro (umgerechnet rund 37,4 Millionen Franken) hat das Projekt gekostet, wovon ein Drittel durch Spenden und der Rest durch den Bund finanziert wurde. Die Pläne stammen vom Stararchitekten Frank Gehry und vom Akustiker Yasuhisa Toyota, der die Elbphilharmonie in Hamburg betreut hat. Beide haben auf ein Honorar verzichtet.

Dass das Konzerthaus zu einem neuen Wahrzeichen der Hauptstadt wird, ist nicht zu erwarten. Es liegt durchaus zentral, wirkt aber recht unscheinbar: Von aussen erinnert das renovierte Gebäude am ehesten an ein Hotel, während das Design im Foyer unentschieden zwischen Industriecharme und klinisch sauberen Schalterbereichen schwankt. Dafür sind die ovalen Formen des Boulez-Saals eine Augenweide, dank hellem Zedernholz entsteht eine heimelige Stimmung.

Hautnaherlebnis und Kulturvermittlung

Barenboim, der Leiter der Berliner Staatsoper, tritt mit seinem West-Eastern Divan Orchestra seit Jahren auch am Lucerne Festival als Kulturvermittler hervor. Den Boulez-Saal will er als Brücke zwischen Tradition und Moderne, aber auch zwischen westlichen, arabischen und persischen Musikern nutzen. So wurde mit dem Konzertneubau auch das West-Eastern Divan Orchestra gestärkt: Dieses erhält mit der neu gegründeten Barenboim-Zaid-Akademie eine eigene Hochschule mit 80 Stipendiaten aus dem Nahen Osten.

Und die Akustik? Beim Konzert des Belcea Quartet gabs mehrere Überraschungen. So wusste das Ensemble, das ab der nächsten Saison als Residenzquartett in dem neuen Konzerthaus weilt, die Hellhörigkeit des Saals als Tugend zu nutzen. Insbesondere Schostakowitschs Quartett Nr. 3 F-Dur hinterliess einen starken Eindruck: Die Musiker reagierten sensibel, arbeiteten feine Schattierungen heraus, gingen auch sehr schroff ans Werk. Dabei wirkte der Klang direkt, aber keineswegs aggressiv.

Die zweite Überraschung war, dass das Rascheln im Publikum aufhörte, als das Konzert begann und die Konzentration der Musiker auf das Publikum auszustrahlen schien. Spannend war der Perspektivenwechsel: Während im Balkon die Balance überzeugte, so war es im Parkett das Hautnah-Erlebnis mit den Musikern, die einem direkt gegenübersassen: Man konnte mit ihnen atmen und glaubte, zu sehen, wie die Saiten schwingen. Von den vier möglichen Sitzordnungen im Boulez-Saal – die Bühne lässt sich auch an einem Saal­ende einrichten – hat sich seit der Eröffnung Anfang März die kreisförmige als die ­gängigste erwiesen.


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