Schweizer Koryphäe verstärkt sich mit zwei Japanerinnen

JAZZ ⋅ Posaunist Paul Haag spielt seit bald 60 Jahren. Jetzt ist er mit Twobones auf Jubiläumstour und groovt auch im Casineum Luzern. Dies in einer ganz besonderen Konstellation.

14. Oktober 2016, 08:25

Seit vielen Jahren lebt der gebürtige Basler Musiker und Komponist Paul Haag (74) auf einem charmant renovierten Liegenschäftli in den Napf-Ausläufern von Steinhuserberg. Er ist umgeben von Natur, der Blick geht direkt in die Voralpen und Alpen. In dieser friedlichen Abgeschiedenheit mit Weitblick übt und komponiert er, dort heckt er seine Projekte aus und erhält ab und zu Besuch von seinen musikalischen Freunden.

Haag hat viel erlebt, seit er Ende der 1950er-Jahre mit dem Jazz-Virus infiziert worden ist. Er hat nach ersten Swing- und Modern Bands 1969 mit der Mani Planzer Big Band gespielt und war 1972 bis 1978 Mitglied der Fusion-Electric-Band Magog, die in Montreux gefeiert wurde und in ganz Europa auftrat. Später spielte er unter anderem mit Alpine Experience (früher Alpine Jazz Herd), dem Alphorn-Quartett Mytha von Hans Kennel oder dem Tien Shan Schweiz Express.

Experimentierfreudiger Alphornbläser

Neben seiner Funktion als Sideman hat Haag auch Bands lanciert, mehrere davon als experimentierfreudiger Alphornbläser. Zu seiner langlebigsten Formation gehört die waschechte Jazzband Twobones, die er 1986 mit dem Tessiner Posaunisten Danilo Moccia gründete. Das Quintett mit zwei Posaunen widmet sich dem Swing, Bebop und Modern Mainstream. Das Great American Songbook ist eine wichtige Quelle, dazu kommen Eigenkompositionen mit melodiestarken Linien und viel Groove.

«Obwohl die Besetzung immer mal wieder änderte: Wir konnten stets mit einer super Rhythm-Section spielen», sagt Haag. Lange Jahre waren mit Isla Eckinger (b) und Peter Schmidlin (dr) zwei Koryphäen des Schweizer Jazz dabei. Dann mussten die beiden aus gesundheitlichen Gründen verzichten, Schmidlin ist dann diesen Frühling gestorben. Ihre Nachfolge haben die zwei jüngeren Schweizer Jazzer Lorenz Beyeler (b) und Daniel «Booxy» Aebi (dr) übernommen. Am Klavier sitzt Peter Madsen, der die letzten zwei Europa-Tourneen mit Stan Getz begleitet hat.

Twobones haben sich mit Konstanz und vielen Touren einen Namen gemacht. Paul Haag staunte nicht schlecht, als er im Januar 2015 ein E-Mail von einer japanischen Musikerin erhielt. «Sie schrieb, dass sie alle CDs von Twobones auswendig kenne und selber ein Quintett mit zwei Posaunistinnen habe, das sich Bonbones nenne und auch unsere Stücke spiele. Ob sie ihre Musik schicken dürfe.» Haag schüttelt noch heute den Kopf, wenn er daran denkt. «Ihre Musik, die wir erhalten haben, hat uns überzeugt. Wir waren begeistert.»

Der überraschende Kontakt mit der japanischen Swing-Jazz-Formation kam genau in der Zeit zu Stande, als Haag an einem Programm für die 30-Jahre-Jubiläumstour von Twobones herumstudierte. Also dachte sich Haag: Warum nicht die Gelegenheit beim Schopf packen und mit den beiden Japanerinnen eine gemeinsame Tour organisieren?

Noten per Mails hin und her

Die Idee war spitze, der Aufwand beträchtlich, private Mäzene und Stiftungen erwiesen sich als gnädig, also stand dem Vorhaben nichts mehr im Wege: Twobones befinden sich diesen Oktober auf einer Konzerttour durch die Schweiz, die sie beim Jazz Club Luzern im Casineum eröffnen. Begleitet werden sie von The Bonbones aus Japan mit den beiden Posaunistinnen Yuu Uesugi und Itsumi Komano.

Das Repertoire wird neben Standards Stücke von beiden Bands umfassen. Die Noten wurden per Mail hin- und hergeschickt. In abwechselnden Konstellationen werden die Formationen auf der Bühne stehen. Danilo Moccia hat zudem mehrere Tunes arrangiert, bei denen alle vier Posaunisten mitmachen.

Dass die beiden Twobones-Bläser schon so lange zusammen spielen, ist für Haag ein Gütezeichen. «Eine einzigartige Freundschaft ist entstanden, nicht nur auf musikalischer, sondern auch auf persönlicher Ebene.»

Pirmin Bossart
kultur@luzernerzeitung.ch


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