Sechzig Poeten feiern die Sprachkunst

VOM 19. BIS 23. OKTOBER HAT IN LUZERN DAS SPOKEN-WORD-FESTIVAL WOERDZ DAS SAGEN ⋅ Die zweite Ausgabe des Spoken-Word-Festivals Woerdz bringt Stars wie die britische Musikerin PJ Harvey und Laurie Anderson nach Luzern.

17. Oktober 2016, 05:00

Luzern ist die Wiege der Schweizer Slam-Szene. Wäre der Luzerner Verleger Matthias Burki («Der Gesunde Menschenversand») Mitte der 1990er auf einem Berlintrip nicht per Zufall über dieses Literaturformat gestolpert, in dem Poeten auf einer Bühne gegeneinander vor Publikum um Worte ringen: Es hätte gedauert, bis der Poetry-Slam auch in der Schweiz salonfähig geworden wäre.

Heute sind Slams fester Bestandteil eines jeden Kulturkalenders. Es gibt «Menschenrechts-Poetry-Slams», Frauen-Slams, Secondo-Slams. Es gibt Slam-Workshops für den Deutschunterricht und Slams als Integrationsprojekt.

Daneben ist die Slam-Bühne auch ein Karrieresprungbrett für junge Bühnenkünstler geworden. Viele Slammer der ersten Stunde – etwa Jürg Halter oder Gabriel Vetter – haben dieses massentaugliche lite­rarische Wettbewerbsformat, in dem das Publikum darüber richtet, wessen redseliger Vortrag am Ende des Abends mit einer Flasche Whisky belohnt wird, für die eigene Büh­nenkarriere genutzt.

Noch fehlt der Nachwuchs

Erzählt man diese Schweizer «Krippengeschichte» aus dieser Perspektive, passt ein Festival wie das Woerdz ganz gut nach Luzern. Auch wenn andere Regionen wie etwa Bern oder die Ostschweiz bei der Nachwuchsförderung immer noch die Nase vorn haben.

60 Künstler geladen

Schon bei ihrer ersten Ausgabe 2014 ging die als Biennale angelegte Werkschau weit über das hinaus, was man auf gewöhnlichen Slam-Bühnen antrifft. Sprache wird hier auch in der Musik oder im Bild ausbuchstabiert, weshalb experimentelle Bühnenkünstler, musikalisch erprobte Lyriker und Repräsentanten der Hip-Hop-Szene besonders gut ins Programm passen. Diese Vielfalt ist Loge-Betreiber André Schürmann, Mitglied der Festivalleitung und des Programmrats, wichtig. Insbesondere, weil das auf den Schweizer Slam-Bühnen derzeit gezeigte Schaffen je länger, je mehr «in Richtung Comedy» abdrifte und sich die Poeten inzwischen mehr «aufs erzählerische Genre konzentrieren» würden als auf Lyrik oder Texte mit sozialkritischer Couleur. Die seien in diesem schnellen Format weniger gut vermittelbar, so Schürmann.

Die drei von Woerdz initiierten Zusammenarbeiten zwischen deutsch- und fremdsprachigen Spoken-Word-Künstlern (siehe Box) sowie die kuratierte Werkschau wirken dem entgegen.

Für seine zweite Ausgabe, die am kommenden Mittwoch startet, hat das Festival 60 internationale und nationale Künstler geladen. Zwischen dem 19. und 23. Oktober repräsentieren sie während vier aufeinanderfolgenden Abenden im Krienser Südpol und im Luzerner Kleintheater die Vielfalt aktueller Bühnenkunst, geben Workshops und treten im von Remo Ricken­bacher und Valerio Moser moderierten Secondo-Slam in einen Dichterwettstreit.

2014 hatte man die Werkschau noch als achtstündigen Marathon an einem einzigen Tag gezeigt. Um den Text verdaulicher zu machen, wurde die Werkschau neu auf drei Abende verteilt (Do, 20. 10., bis Sa, 22. 10).

Die Schau Schweizer Bühnenkunst bringt erfolgreiche Berner wie Michael Fehr (im Duo mit dem Luzerner Gitarristen Manuel Troller hat er an den Stanser Musiktagen begeistert), Guy Krneta, Beat Sterchi und Gerhard Meister zusammen mit Basler Bühnenpoeten wie Patti Basler (im Duo mit Philippe Kuhn) und Gabriel Vetter. Auch ein Bestsellerautor wie Tim Krohn macht mit. Die Region Luzern ist vertreten durch den Musiker, Autor und Festival-Co-Organisator Adi Blum, der einen der wichtigsten Repräsentanten der Szene, die Berner Literaturgruppe «Bern ist überall», als Akkordeonist begleitet.

Auch das im Kleintheater bereits aufgetretene Spoken-Word-Kollektiv Die Eltern – zu ihm gehören «gereifte» Slam-Poeten mit Erziehungsauftrag wie Simon Chen, Stefanie Grob und Sandra Künzi – kehrt nochmals nach Luzern zurück.

Multimediashow

Als Stargäste geladen sind die amerikanische Performerin und Musikerin Laurie Anderson sowie die bri­tische Sängerin, Lyrikerin und Bildhauerin PJ Harvey. Laut Schürmann bringt die 69-jährige Lou-Reed-Witwe Anderson für ihren Luzerner Auftritt ihre experimentelle Multimediashow «The Language of the Future» auf die Südpol-Bühne. Diese Performance, die an ihre künstlerischen Anfänge in den 1970er-Jahren anknüpft, kuratiert sie an jedem Ort neu.

Julia Stephan

Mittwoch, 19., bis Sonntag, 23. Oktober

Südpol und Kleintheater. Infos und Tickets: www.woerdz.ch.


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