Sie lassen sich nicht festnageln

ROCK ⋅ Auf ihrem neuen Album «Alawalawa» haben die Luzerner Blind Butcher ihren trashigen Rock ’n’ Roll weiter reduziert. Das klingt gleichzeitig produzierter und entschlackter.
13. April 2017, 08:41

Pirmin Bossart

Das Telefon klingelt. Blind Butcher melden sich von einer Autobahnraststätte in Deutschland. Am Vorabend spielten sie in München, vorher in Wien und Prag. Christian Aregger (Gitarre, Stimme) und Roland Bucher (Drums, Basspedal, Effects) sind gut im Schuss. Am Samstag steigt die Release-Party ihres zweiten Albums im Sedel. «Wir freuen uns mega.» Die (Oster-)Hasenohren wackeln schon kräftig.

Disco-Trash-Rock ist ein passender Begriff für die Musik dieses Duos: Das kommt eingängig und glitzernd, aber auch ungeniert und abgedreht, mit einer vollen Pulle Energie und verknappten Text-Geschossen. Blind Butcher machen wenig Aufhebens, lieber hämmern sie in ausgefallenen Outfits ihren Sound ins geneigte Trink- und Kulturpublikum. Auf nichts lassen sie sich festnageln, es sei denn auf den diebischen Spass, den sie ebenso diszipliniert wie ungeschminkt in ihrer Musik ausleben.

Stampf und Glitter

Der Sound hat Pepp, die Riffs sind auf das Nötigste getrimmt und kommen präzise. Blind Butcher treiben das Triviale, das im Rock ’n’ Roll angelegt ist, mit Stampf und Glitter auf die Spitze: Disco-Puls und elektrisierender Klangstaub mischen sich mit Einflüssen aus Garage-Punk, New Wave und ihrem Flair für die Kunst des Knochentrockenen. Wir hören T. Rex auf Speed, und im nächsten Moment ziehen wieder Countrylicks durchs Kraut. «You’re askin’ me/what’s the matter with you/and I’m ­saying/maybe baby/I am a evil child.»

Es sind oft nur einzelne Wörter, die lautmalerisch in die Songs geworfen werden. Die Zeilen kondensieren zwischen schelmischem Blödsinn und absurdem Tiefsinn oder gerinnen auch mal zu einem scharfen Text («Alles macht weiter») des deutschen Dichters Rolf-Dieter Brinkmann (1940–1975). Anders als ernsthafte Indie-Pop-Bands scheinen Blind Butcher nichts verkünden, sondern lieber etwas Schräges durchblitzen lassen zu wollen. Ihr Metier ist der Puls, ist die Musik, mit der sie uns befeuern. Wer sie live erlebt hat weiss, dass ein Album davon nur eine Ahnung geben kann.

Nach dem rauen Vorgängeralbum «Albino» (2014), das sie mit dem renommierten US-Produzenten Steve Albini (Fugazi, Pixies, Nirvana) live in einem Studio in Chicago einspielten, haben sie für das aktuelle Album «Alawalawa» die Zügel selber in die Hand genommen. «Wir wollten dieses Mal eine produzierte Platte machen, uns Zeit nehmen und mehr Sachen ausprobieren», sagt Aregger. Als ausgefuchste Liveband reizte es sie, in diese präzise Studioarbeit zu tauchen, um deren Elemente dann auf der Bühne mit Energie und Improvisation neu weiterzutreiben.

Gleichzeitig wollten sie die neuen Tracks keinesfalls überproduzieren, was gelungen ist. «Alawalawa» kommt eingängig und auf den Punkt gespielt daher, gleichzeitig öffnen sich kleine Wundertüten und elektronisch präparierte Finten, wenn man sich den Sound genauer durch die Ohren ziehen lässt. Das Album entstand in ihrem Proberaum in Malters, den sie mit Dani Wehrlin teilen. Wehrlin ist auch Produzent (Pink Spider) und hat mit den beiden die Musik aufgenommen und gemischt. «Wir hatten rund 20 Tracks. Am Ende haben wir nur diejenigen genommen, die wir dieses Mal schlüssig machen konnten», sagt Roli Bucher.

Seit ihrem ersten Album «Albino» haben Blind Butcher landauf, landab und auch im Ausland musiziert und Soundtracks für Theater- und Filmproduktionen gemacht. Das Duo unternahm neben zahlreichen Gigs in der Schweiz drei Deutschlandtourneen und spielte auch in der ­Slowakei. Diese Live-Erfahrung hat ihren Sound gelockert und gestrafft. Der monotone Sog, der vielen Tracks innewohnt, und die Reduktion auf griffige Formeln scheint simpel, braucht aber Attitude und Sattelfestigkeit, um Wirkung zu erzielen. Blind Butcher bringen beides mit.

Reviews auf Spanisch

Beim Berner Label Voodoo Rhythm Records von Reverend Beat-Man sind Blind Butcher gut aufgehoben. Das Label ehrt die Würde des trashigen Rock ’n’ Rolls in all seinen Facetten bis hin zum Gypsy Funeral Jazz oder Blue­grass-Noir und hat sich im weltweiten Underground-Musikmarkt einen Namen gemacht. Das scheint Früchte zu tragen, die Voodoo-Family hat reagiert: «Wir haben bereits Reviews aus Italien, Spanien und Südamerika erhalten», freuen sich die beiden.

«Beat-Man ist mit Leidenschaft in der Musik drin, das passt uns», sagt Aregger. Es ist diese Leidenschaft für das Raue und Direkte, die auch Blind Butcher durchrüttelt, wenn immer sie auf der Bühne auf die Pauke hauen.

Hinweis

Blind Butcher: Alawalawa, Voodoo Rehythm Records, Plattentaufe: Samstag, 15. April, Sedel, 21 Uhr

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