Slam-Poetin Lara Stoll: «'Feuchtgebiete' ist ein trockener Witz dagegen»

PORTRÄT ⋅ Slam-Poetin und Videokünstlerin Lara Stoll (30) hat in der Badewanne ein Remake des Bergsteigerdramas «127 Hours» gedreht. Der Film könnte vor dem Sommer in die Kinos kommen. Demnächst tritt sie in Küssnacht auf.
12. Februar 2018, 05:01

Julia Stephan

Vor rund zehn Jahren bahnte sich eine junge Slam-Poetin mit schwerem Rollmaterial den Weg an die Spitze. Die kleine, zierliche Lara Stoll aus dem Thurgau zog von einer Slam-Bühne zur nächsten, wo sie mit lauter Röhre jedem erklärte, warum sie sich manchmal wünsche, ein «John-Deere-Traktor 7810 Powershift mit Gewicht in der Fronthydraulik» zu sein.

Die 30-Jährige wurde damals nicht nur Schweizer Meisterin im Poetry-Slam, sondern mit dem Gewinn der ersten europäischen Poetry-Slam-Meisterschaft zu einem Schwergewicht der Szene. Es gab eine Zeit, da waren Bühnenauftritte und Kolumnen Stolls ­primäre Einnahmequellen.

Stoll macht jetzt Punk

Doch Stoll wurde das irgendwann zu einseitig. Ständig lustige Texte zu produzieren, auch in Momenten der Frustration, diese Ambivalenz hielt sie irgendwann nicht mehr aus. 2016 nahm sie in St. Gallen zum vorerst letzten Mal bei den Schweizer Slam-Meisterschaften teil. Dort murmelte, schrie und intonierte sie minutenlang «Dini Mueter», sprang und wälzte sich dazu auf der Bühne. Mit ihrem mutigen performativen Experiment zog sie im Finale den Kürzeren. «Ich war aber irgendwie auch erleichtert», so Stoll. Erfolg hätte bedeutet: sich wieder stärker in der von ihr geschätzten Slam-Szene zu verankern, wo sie doch so viel Neues vorhatte.

Heute macht sie, wie viele Slam-Poeten ihrer Generation, Bühnenprogramme mit Slam-Texten. Seit ihrem abgeschlossenen Filmstudium hat Stoll, die ­inzwischen in Zürich lebt und Psychologie- und Philosophie­vorlesungen besucht, ihr Spektrum stetig erweitert. Sie singt und spielt Gitarre in der Punkband Pfffff – ein Jugendtraum von ihr – oder produziert mit dem Musiker Constant Hiatus (Lukas Marty) Videoclips, in denen sie auf einer Pferdekoppel auch mal minutenlang Tulpennamen aufzählt. Mit Filmemacher Cyrill Oberholzer hat sie gerade erst einen längeren Spielfilm gedreht, ein Remake des biografischen Bergsteiger­dramas «127 Hours» von Danny Boyle (2010). Dort amputiert sich ein Bergsteiger in einer Notlage den Arm, um sich aus einer Fels­spalte zu befreien. Im Remake klemmt sich Stoll ihren Finger im Abfluss ihrer Badewanne ein.

Was nicht bedeutet, dass ein kleiner Finger nicht dieselbe existenzielle Krise auslösen kann wie ein Arm. Stoll und ihr damaliger Freund und Kreativpartner Cyrill Oberholzer wollten den Film in zwei Wochen abdrehen. Es wurden acht Monate.

«Ich bin an meine Grenzen ge­gangen», sagt sie heute. «‹Feuchtgebiete› ist ein trockener Witz ­dagegen.» Die Emotionen seien beim Dreh in Stolls ­Badewanne übergeschwappt. Gut fürs Bild, aber zerstörerisch für den Drehplan und die Liebesbeziehung, die währenddessen in die Brüche ging. «Dass die ­Tränen echt sind, lässt auf den Bildern eine inte­ressante Energie entstehen», so Stoll. Der Film steckt in der Post­produktion. Noch fehlen Fördergelder für den Finish, die Pre­miere findet im besten Fall noch vor dem Sommer statt.

Keine glatt produzierte Sachen

Stoll macht keine glatt produ­zierte Sachen. Vor zwei Jahren drehte sie im hippen Zürcher Bahnhofquartier Europaallee das amateurhaft wirkende Musik­video «Europa (Neurodance)», ihr Beitrag zum Eurovision Song Contest. Die Künstlerin schlingert zu nervtötenden Eurodance-Rhythmen über ein Eisfeld und massiert die Lettern eines an einer Hauswand angebrachten Massage-Schildes. Das Schweizer Fernsehen lehnte ihre Bewerbung zwar ab, ist aber gewillt, dieses Jahr zwei Folgen der im Internet frei verfügbaren Satiresendung «Bild mit Ton» zu produzieren, ein Gemeinschaftsprojekt von Stoll, Dominik Wolfinger und ­Cyrill Oberholzer, das entfernt an das nicht mehr ausgestrahlte ORF-Format «Sendung ohne ­Namen» erinnert.

Die drei produzieren dort seit 2013 irre Mashups, die jegliche Genregrenzen überschreiten. «Wir haben aus einem Horrorfilm eine Komödie gemacht, ­Dinge miteinander vermengt, mit dem Ziel, wertefreie neue Produkte entstehen zu lassen.» Stoll weiss nicht, ob die Radi­kalität ihrer Sendung, in der sie ihren Zuschauern entspannt politisch unkorrekte Wörter an den Kopf wirft, heute noch so funktionieren würde. «Heute musst du dir ständig die Frage stellen, was darf ich überhaupt noch sagen, ohne dass man geshitstormt wird», sagt sie. Aber: «Vielleicht sollte man gerade deshalb mal so richtig mit dem Panzer reinfahren.» Ob sie ihren John-Deere-Traktor 7810 doch noch mal anschmeissen wird?

Hinweis

Lara Stoll: «Krisengebiet 2 – Electric Boogaloo.» Theater Duo Fischbach, Küssnacht, 18.2., 18.00 Uhr. www.duofischbach.ch

Chäslager Stans, 24.2., 20 Uhr

www.chaeslager-kulturhaus.ch


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