Chuck Berry war der Rock 'n' Roll

NACHRUF ⋅ Mit Chuck Berry ist der Vater der Gitarrenrockmusik mit 90 Jahren gestorben. Er beeinflusste Musiker und Bands bis hin zu den ganz Grossen wie die Beatles oder die Rolling Stones. Glücklich machte ihn die Musik nicht immer. Aber am Ende schon.
Aktualisiert: 
19.03.2017, 17:00
19. März 2017, 12:37

Stefan Künzli

kultur@luzernerzeitung.ch

Es geschah im Mai 1955 in den Chess Studios von Chicago: Chuck Berry nimmt seinen Song «Maybellene» auf. Nach einer Spielzeit von 1:05 setzt er zu einem Gitarrensolo an. Es dauert nur 25 Sekunden. Trotzdem ist es ein Meilenstein: Es ist das erste grosse Gitarrensolo der Rockgeschichte.
So unspektakulär es aus heutiger Sicht klingt, Chuck Berry hat damit das Rock-’n’-Roll-Vokabular für die Gitarre geschaffen. «Mit seinem Spiel, seinen Riffs und Licks definierte er das kleine Einmaleins für jeden, der nach ihm die Gitarre in die Hand nahm, um damit zu rocken», schreibt der Publizist Ernst Hofacker. Chuck Berry war der Vater der Rockgitarre, prägend für Legionen von Rockgitarristen. Der Rhythm and Blues der 40er-Jahre war noch stark von Bläsern geprägt. Chuck Berry hat die Bläserriffs übersetzt, auf sein Instrument übertragen. Er löste die Gitarre von der Begleitfunktion und etablierte damit die Gitarre als führendes Instrument der Pop- und Rockmusik.

«Johnny B. Goode» und weitere Klassiker

«Maybellene» war eine Adaption des Country-Songs «Ida Red» aus dem Jahr 1938, den Berry mit neuem Text in eine Rock-’n’-Roll-Nummer verwandelte. Er schaffte damit den nationalen Durchbruch. Die Nummer stürmte nicht nur Platz 1 der Rhythm and Blues Charts, sondern auch Platz 5 in der landesweiten US-Pop-Hitparade. Chuck Berry war mit «Maybellene» der erste Afroamerikaner, der mit afroamerikanischer Musik auch die weissen Amerikaner erreichte. Er wurde zum Star und zum begabtesten Songschreiber seiner Zeit. In der Folge komponierte er Hits wie «Sweet Little Sixteen», «Roll Over Beethoven», «Back In The USA», «Rock ’n’ Roll Music» und vor allem «Johnny B. Goode» – einige der grössten Klassiker des Rock ’n’ Roll. «Wenn du Rock ’n’ Roll einen anderen Namen geben willst, nenn ihn einfach Chuck Berry», meinte John Lennon einmal. Chuck Berry war Rock ’n’ Roll, und er lebte ihn.

Lebensnahe Texte und berühmte Posen

Chuck Berry ist in St. Louis als ein Kind des schwarzen Mittelstandes geboren. Literatur, Theater und Bibelzitate gehörten zur geistigen Grundnahrung des Elternhauses. Seine Songlyrics sind denn auch gespickt mit Wortspielereien und erzählen vom Leben, spiegeln die Wirklichkeit und machen auch nicht vor sozialkritischen Inhalten Halt. Etwas, das im amerikanischen Pop der 50er-Jahre eine Rarität war. Insofern sehen einige Kritiker Chuck Berry als einen Vorläufer von Bob Dylan oder Bruce Springsteen.

Und Chuck Berry war ein begnadeter Entertainer. Berühmt sind seine Rock-’n’-Roll-Posen wie jene mit den extrem gespreizten Beinen. Zu seinem Markenzeichen wurde aber der «Duckwalk», ein Show-Element, das etwa auch AC/DC-Gitarrist Angus Young in sein Programm aufnahm.
Chuck Berry war einer der populärsten Musiker in der zweiten Hälfte der 50er-Jahre und revolutionierte die Popkultur. Der grosse Einschnitt folgte 1961, als er wegen der Anstellung einer Minderjährigen für zwei Jahre ins Gefängnis musste. Berry betrachtete seine Verurteilung immer als rassistisch motiviert. Der Musiker, der bisher eine grosse Lebensfreude ausstrahlte, wurde plötzlich misstrauisch und verbittert. 1972 landete er mit «My Ding-A-Ling» zwar noch einmal einen Nummer-eins-Hit, aber Chuck Berry erreichte nie mehr die Popularität jener Tage in den 50er-Jahren.

Zeitreisenparadox und Hörprobe für Ausserirdische

Legionen von Rockmusikern wie auch die Beatles und die Stones interpretierten seine Songs und zollten ihm als wichtigen Einfluss Tribut. Besonders frech war der Auftritt von Michael J. Fox mit «Johnny B. Goode» im Film «Zurück in die Zukunft», wo suggeriert wurde, dass Chuck Berry von diesem Sound via Telefon inspiriert worden sei. Derweil der Filmprotagonist die Nummer logischerweise von Berry kannte – ein typisches Zeitreisenparadox. Apropos futuristisch: «Johnny B. Goode» wurde später als Beispiel der «irdischen Pop-/Rockmusik» Teil der Voyager Golden Records und mit den Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 ins Weltall geschickt.

Berry selber aber tingelte jahrelang durch die Welt und nudelte seine Songs zuweilen lustlos mit zweit- und drittklassigen Musikern herunter. Erst als er für seine Pionierarbeit gewürdigt wurde, fand er wieder Frieden. 1985 wurde er in die Blues Hall of Fame aufgenommen und ein Jahr später das erste Mitglied der Rock and Roll Hall of Fame. 2014 wurde er mit dem schwedischen Polar Music Prize ausgezeichnet, dem inoffiziellen Nobelpreis für Musik.

Fast bis zum Ende auf der Bühne und voller Pläne

Chuck Berry ist bis ins hohe Alter aufgetreten. Bis 2004 auch zusammen mit den anderen Pionieren Jerry Lee Lewis und Little Richard, die beide noch leben. Fast bis zuletzt hat er seinen Abgang von der Bühne dementiert. «Solange ich noch ein wenig sehe und höre, mich noch ein wenig bewegen kann, mache ich weiter», liess er verlauten. Ein Rock ’n’ Roller gibt nicht so schnell auf.

An seinem Geburtstag im letzten Oktober kündigte Berry die Veröffentlichung eines neuen Albums mit dem Titel «Chuck» für 2017 an. Das erste Studioalbum seit 39 Jahren. Er wollte es seiner Ehefrau Themetta «Toddy» widmen, mit der er 68 Jahre lang verheiratet war. «Mein Schatz, ich werde alt! Jetzt kann ich mich zur Ruhe setzen!», soll er ihr kürzlich gesagt haben. Am Samstagnachmittag Ortszeit wurde er leblos in seinem Haus in der Nähe von St. Louis im US-Bundesstaat Missouri gefunden. «Rest in Peace», Chuck!

Grosse Trauer in der ganzen Welt

Reaktionen Der «geliebte Ehemann, Vater, Grossvater und Urgrossvater» sei im Alter von 90 Jahren gestorben, hiess es gestern auf der Internetseite von Chuck Berry. «Obwohl sich seine Gesundheit in letzter Zeit verschlechtert hatte, verbrachte er seine letzten Tage zu Hause, umgeben von der Liebe seiner Freunde und Familie», liess Chuck Berrys Familie verlauten und bat darum, in ihrer Trauer nicht gestört zu werden.

Viele Fans in der ganzen Welt und berühmte Kollegen betrauerten den Tod des Musikers im Internet. «Ich bin so traurig, zu hören, dass Chuck Berry gestorben ist», schrieb Rolling-Stones-Sänger Mick Jagger bei Twitter. «Ich möchte mich bei ihm für all die inspirierende Musik bedanken, die er uns gegeben hat. Er hat Licht in unsere Teenager-Jahre gebracht und uns davon träumen lassen, Musiker zu werden. Seine Texte haben andere überstrahlt und ein merkwürdiges Licht auf den amerikanischen Traum geworfen. Chuck, du warst grossartig, und deine Musik ist in uns für immer eingraviert.»

Der Musiker Bruce Springsteen bezeichnete Berry als «besten Fachmann, Gitarristen und puren Rock-’n’-Roll-Schreiber, der je gelebt hat». Musiker John Mayer würdigte Berry als «Legende». Autor Stephen King schrieb, die Nachricht habe sein Herz gebrochen: «Aber 90 Jahre alt ist nicht schlecht für Rock ’n’ Roll.» Rocker Lenny Kravitz pries Berrys Einfluss auf die Musik: «Keiner von uns wäre ohne dich hier. Rock on, Bruder!» Und der bekannte US-Comedian Marc Maron schrieb schlicht: «Der König ist tot.» Und Ex-Präsident Bill Clinton schrieb: «Hillary und ich lieben Chuck Berry, solange ich denken kann.»

In Los Angeles kamen Fans unmittelbar nach Bekanntwerden von Berrys Tod im Gitarrenzentrum am Sunset Boulevard zusammen und diskutierten über seinen Einfluss auf Generationen von Musikern. Das «Rolling Stone»-Magazin nannte Berry den «wahren Paten» des Rock ’n’ Roll. «Elvis war der erste Popstar des Rocks, Chuck Berry aber der Meistertheoretiker und das konzeptuelle Genie des Genres Rock ’n’ Roll», schrieb die «New York Times». Berry habe den Rock ’n’ Roll zwar nicht erfunden, schrieb das US-Musikmagazin «Billboard», aber: «Er hat ihn zu einer Geisteshaltung gemacht, die die Welt verändert hat.» (dpa/red)

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Chuck Berry ist tot. Der US-Pionier des Rock'n'Roll starb am Samstag in seinem Haus in Missouri.

Video: Chuck Berry singt «Johnny B Goode»

Rock'n-Roll-Legende Chuck Berry performt live seinen Smash-Hiz «Johnny B Goode» (1964). (, )

Video: Chuck Berry performt «Sweet Little Sixteen»

Chuck Berry singt «Sweet Little Sixteen» in der Saturday Night Beech-Nut Show am 22. Februar 1958. (, )


Video: Chuck Berry singt Maybellene

(, )

Video: Chuck Berry singt «Sweet Little Sixteen» (1958)

(Youtube, 19.03.2017)


Video: Cuck Berry singt Rock And Roll Music

(Youtube, 19.03.2017)

Video: Cuck Berry singt Back In The USA

(Youtube, 19.03.2017)




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