Autorin Evelina Jecker Lambreva: Uns gehts gut, doch das hat seinen Preis

ZUG ⋅ Als Gast der Literarischen Gesellschaft las die einheimische Autorin Evelina Jecker Lambreva aus ihrem zweiten Roman «Nicht mehr» vor.

02. Dezember 2016, 08:30

Monika Wegmann
redaktion@zugerzeitung.ch

Gertrud hat Schlafprobleme. Da bringt sie allein die Frage, welchen Tee sie von den vielen Sorten auswählen soll, fast zum Verzweifeln. Es waren die Kündigung und andere Sorgen, die eine schwere Depression auslösen, die sie lähmt und sie wie tot in einem lebenden Körper gefangen fühlen lässt. Alles ist dunkel, sie empfindet sich wie Abfall – und der muss entsorgt werden. Also steigt sie in eine Mülltonne.

So beginnt der neue, zweite Roman «Nicht mehr» von Autorin Evelina Jecker Lambreva. Die lebensverdrossene Gertrud gehört zu den Protagonisten, ebenso wie der gestresste Banker Kilian, die mit ihrer Hausfrauen- und Mutterrolle unzufriedene Nicole, die kranke Judith, die für eine Lohnerhöhung kämpfende Jasmin, deren Vater dank einem Spenderherz vorerst überlebt.

Wichtig ist die Würde des Menschen

Im Burgbachkeller las die aus Bulgarien stammende und heute in Holzhäusern lebende Evelina Jecker (53) letzten Dienstag mit ihrer dunklen Stimme spannende Ausschnitte aus dem neuen Roman. Ihre Protagonisten stecken in schwierigen Situationen, suchen den Sinn des Daseins, kämpfen mit Ängsten und Phobien, was auch manchen Lesern nicht unbekannt ist. Es sind realistische, dramatisch zugespitzte Geschichten. Statt mit einem trockenen Sachbuch, gelingt es Evelina Jecker, mit literarischen Texten auf brennende Themen der heutigen Zeit hinzuweisen – und Denkanstösse zu vermitteln. Der Roman ist zugleich ein Spiegel unserer Leistungsgesellschaft, in der immer mehr Menschen erkranken oder mit Psychosen kämpfen. Wichtig ist der Autorin die Suche nach dem Sinn des Daseins. Für ihre «Diagnose» unserer Gesellschaft kann sie durch Erfahrungen als Psychiaterin und Dozentin realitätsnah berichten.

Gespräch mit der Autorin

Nach der Lesung führte Adrian Hürlimann, Vorstandsmitglied der Literarischen Gesellschaft Zug, ein Gespräch mit Evelina Jecker. Als er ihr Buch als ein Werk über Organtransplantation bezeichnet, widerspricht die Autorin vehement. Natürlich sei sie als Ärztin auch schon mit Transplantationen konfrontiert gewesen. «Doch im Buch werden verschiedene aktuelle Themen angesprochen.» Zur Transplantation werde sie keine Stellung beziehen – weder pro noch kontra: «Das ist ein schwieriges Thema, jeder sollte sich vorbereiten, denn die Angehörigen sind nachher mit dieser Frage oft überfordert.»

Insbesondere beschäftige sie das Phänomen, wie lang und intensiv heute die Leute arbeiten würden, zuletzt seien viele ausgelaugt. Evelina Jecker gibt zu bedenken: «Alles ist machbar, und wenn etwas nicht mehr gebraucht wird, werfen wir es einfach weg.» Darum sorge sie sich um die Zukunft der alten Menschen – es gehe um Leben und Tod.

Einen Zuhörer interessiert, wie es zum Titel «Nicht mehr» gekommen sei. «Ursprünglich war ein anderer geplant», gibt Evelina Jecker schmunzelnd zu. Doch ihr Vorschlag «Widerspruchsleben», eine Wortneubildung, habe keinen Zuspruch gefunden. «Mit ‹Nicht mehr› wird ausgedrückt: So kann es nicht mehr weitergehen, wie lange mache ich das? Solche Aspekte kommen im Text immer wieder vor.»

Zweisprachig seit der Jugend

Während Evelina Jeckers erster Roman «Vaters Land» in Bulgarisch entstanden ist, hat sie den zweiten in Deutsch geschrieben. Ein anderer Zuhörer lobte ihre Zweisprachigkeit und wollte wissen, warum sie so gut Deutsch spreche, dass sie ein Buch schreiben könne. «Durch meinen Vater habe ich schon als Kind die deutsche Sprache gelernt. Ohne sie wäre es nicht möglich gewesen, in der Schweiz als Psychiaterin zu arbeiten. Ich lebe ja hier.» Und bevor es ans Signieren geht, verrät Evelina Jecker: «Jetzt schreibe ich an einem Psychothriller.»


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