Wechselbad der musikalischen Gefühle

STANSER MUSIKTAGE ⋅ Noch stehen die Erfolgszahlen aus: Aber ­musikalisch und stimmungsmässig haben die neu ­lancierten Stanser Musiktage toll eingeschenkt.
11. April 2016, 05:00

Pirmin Bossart

Den Kopf voller Jazz – mit dem sensationellen Londoner Duo Trevor Watts und Veryan Weston – betreten wir am Samstagabend das Zelt auf dem Dorfplatz. Auf einem Bildschirm sehen wir als Erstes die tanzenden Derwische, die einen Tag zuvor im Kollegi-Saal ihre weissen Röcke wehen liessen, und hören dazu den lärmigen Sound der Beatie Bossy, die im Zelt ihre coole Sause aus Hip-Hop, Jazz und Rock über die Bühne bringen. Die Leute stehen dicht gedrängt, es wird palavert und getrunken. Wir wissen nicht, wie sich die Derwische hier fühlen würden, aber dem Festival-Volk gefällts.

Es ist dieses Wechselbad der musikalischen Eindrücke, das typisch ist für die Stanser Musiktage. 27 Konzerte im Hauptprogramm waren dieses Jahr angesagt, die auf den üblich unterschiedlichen kleineren und grösseren Bühnen rund ums Dorfzentrum stattfanden. Das ist eine Qualität geblieben, auch wenn die Qual der Wahl für ein Konzert deshalb nicht leichter fällt. Ausverkauft waren die Konzerte mit Ablaye Cissoko & Volker Goetze, Hindi Zhara und Ambäck. Umgekehrt fand der Auftritt des grandiosen Sylvie Courvoisier Trios, das musikalisch zu den klaren Höhepunkten zählte, in einem halb leeren Theater an der Mürg statt.

  • Das Nidwaldner Museum fordert an den Stanser Musiktagen... (© Romano Cuonz / Neue NZ)
  • ...  mit einer phantastischen Videoinstallation von Thais Odermatt Jung und Alt zum Tanzen auf. (© Romano Cuonz / Neue NZ)
  • Thais Odermatt (links) mit der Videoinstallation. (© Romano Cuonz / Neue NZ)

Nidwalden im Zeichen der Musik: Vom 5. bis 10. April werden in Stans knapp 40 Künstler Konzerte zum Besten geben.

Besinnliche Momente

Mit dem exklusiven Schweizer Konzert der amerikanischen Indie-Pop-Band Animal Collective am Freitag kam auch die interkantonale Hipster-Jugend auf ihre Rechnung. Gut 500 Besucher liessen sich von den schwirrenden Elektro-Sounds und einer aufwendigen Visual-Show bezirzen. Für eine gute Stimmung, vorab mit den tänzerischen Stücken, sorgten auch Divanhana, eine Truppe aus Bosnien-Herzegowina, die mal emotional-balladesk, mal wild und ausgelassen, ihre Volksmusik mit einem modernen Instrumentarium neu aufpeppte.

Besinnlich-sakrale Momente wachgerufen haben Noureddine Khourchid and the Whirling Dervishes of Damas oder die vereinten Ensembles La Roza Enflores & Quatuor Alfma mit ihrem «Exilio»-Programm in der Pfarrkirche. Erstere brachten die mystisch-islamische Kultur nach Stans: Zu monoton mäandernden Gesängen und betörenden Oud-Klängen begannen sich zwei Derwische mit ihren weissen Röcken minutenlang im Kreis zu drehen. Einhelliger Kommentar der Besuchenden: Es wurde einem vom Zusehen allein schon schwindlig. Aber sicher. Nur ist das wohl nicht die spirituelle Essenz dessen, was uns diese Männer mit ihrer Musik und ihrem Tanz nahebringen wollen.

Die vereinten Ensembles in der Pfarrkirche orientierten sich an sephardischen Liedern und spanischer Musik aus dem 16. Jahrhundert, zum Teil durchsetzt mit Lyrik von Pablo Neruda zum Thema Exil. Zwischen dem Streichquartett und dem mit Oud/Gitarre-, Flöte- und Perkussion-besetzten Ensemble intonierte die Sängerin Edith Saint-Mard in feierlich-konzentrierter Hingabe. Die Musik wirkte – zumal in diesem schönen Kirchenraum – sehr sakral und läuternd, vermochte aber nicht diese innige Intensität zu entfalten, wie wir das bei anderen Gruppen schon erfahren haben, die das orientalische und mediterrane Erbe alter Musik zusammenführen.

Kontraste

Auf eine ganz andere Weise intim erwies sich der Auftritt der sympathischen Französin Colleen zu späterer Stunde im «Engel»-Club, die das alte Instrument Viola da Gamba in einen elektronischen Kontext integrierte und mit Loop-Schichtungen und einer für unseren Geschmack allzu eindimensional hauchenden Stimme dem zeitgenössischen Elektro-Pop eine folkige Note gab. Tief greifender war am gleichen Ort die Roots-Musik, mit welcher der Amerikaner Sam Amidon und sein Partner aus London mit Gitarre, Banjo und Bass die Musiktage eröffnet hatten.

Aufschlussreich war auch der zufällige Kontrast der Auftritte von Chassol «Big Sun» und dem englischen Altherren-Free-Jazz-Duo Trevor Watts/Veryan Weston. Chassol (Klavier, Keyboards) und sein Partner Lawrence Clais (Schlagzeug) spielten zu Filmsequenzen, die auf einer Reise durch die Karibik gedreht wurden. Das Witzige daran war die Interaktion zwischen dem Leinwandgeschehen und den musikalischen Eingriffen. Das ging weit über eine musikalische Untermalung von Bildern hinaus, indem beide Ebenen in oft überraschenden Nuancen miteinander verschmolzen.

So konnte man bei Chassol einen interaktiven Musikclip konsumieren und sich unterhalten lassen, ohne dass einem die Musik sonderlich unter die Haut ging. Bei Trevor Watts/Veryan Weston hingegen ging es um die pure musikalische Essenz. Da spielten zwei alte Herren auf der Chäslager-Bühne fern von Pathos und Performance schlicht und einfach aus ihrer profunden Erfahrung heraus. Es war ein Konzert, das einen mit seiner Direktheit und Lauterkeit für vieles entschädigte, was man halt an Festivals sonst so mitkonsumiert und auch gut findet. Aber dieses Duo ging noch ein Stockwerk tiefer.

Treffpunkte gebündelt

Den Veranstaltern der Musiktage ist es gelungen, mit dem gestrafften Rahmenprogramm und dem Dorfplatz-Zelt die Treffpunkte zu bündeln und auch die Musik wieder ins Zentrum zu rücken. «Wir wissen noch nicht, wie die Zahlen aussehen, das wollen wir analysieren, aber mit dem Festival als Ganzes und wie es gelaufen ist, sind wir sehr zufrieden», kommentierte Co-Leiterin Esther Unternährer in einer ersten Bilanz.

Sehr viele Leute hätten ihre Freude darüber bekundet, dass es gelungen sei, die Stanser Musiktage wieder ins Dorf zu holen und für eine gute Stimmung zu sorgen. «Wir haben auch viele positive Feedbacks zum Programm bekommen.» Ob und wie die neu gestarteten Stanser Musiktage auch buchhalterisch ein Erfolg waren, wird bekannt gegeben, sobald die genauen Zahlen vorliegen.

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