Wenn die Flügel erlahmen

AUSSTELLUNG ⋅ Entspannt übers Scheitern spricht man auf dem Gipfel des Erfolgs. Warum ist das so? Das Vögele-Kultur-Zentrum in Pfäffikon SZ regt an zu einer Auseinandersetzung mit einem Gefühl, das in unserer Leistungsgesellschaft oft unterdrückt wird.
18. Dezember 2016, 05:00

Darf man im Leben scheitern wie bei Shakespeare oder Kafka? Ja, aber nur, solange man es später doch noch zu etwas gebracht hat. An einem Cüpli-Event unter Arrivierten kommt so eine Bauchlandung, sofern sie literarisch überhöht und humorvoll verpackt wird, ja ganz sympathisch rüber. Denn wer mag schon Menschen ohne Fehler? Dass hinter den meisten Errungenschaften unserer Leistungsgesellschaft die Versagensangst als Triebfeder wirkt, eignet sich im Normalfall hingegen kaum als Gesprächsthema. Es sei denn, man ist Künstler.

Menschen, die am Boden liegen, können mit ihrem Scheitern hingegen kaum kokettieren. Sie fühlen sich in ihrer Existenz bedroht. Stellt die Bauchlandung ein ganzes Leben in Frage, kann das einen Menschen bis in den Suizid treiben. Früher bezeichnete man mit Scheitern das Zerschellen eines Schiffs an einer Klippe. Heute zerschellen Schiffe eher selten. Es sind Lebensentwürfe, die Schiffbruch erleiden.

Scheitern und Kunst – ein Traumpaar

Das Vögele-Kultur-Zentrum in Pfäffikon SZ bricht mit seiner Ausstellung «Ein Knacks im Leben. Wir scheitern ... – und wie weiter?» eine Lanze für ein Tabuthema. Dass Auseinandersetzungen in dieser Institution nie allein über Statistiken und Expertenmeinungen stattfinden, sondern auch über die Kommunikationswege der Kunst, darf man in diesem Fall als grosses Glück bezeichnen. Denn Scheitern und Kunst sind ein Traumpaar. Etliche Künstler haben Scheitern zum Thema ihrer Arbeit gemacht. Lyriker drechseln im Schmerz die besten Verse. Jazzmusiker suchen im Regelbruch nach Innovation. Und Clowns und andere Mimen machen kunstvoll Fehler, damit das Publikum auch mal über seine eigenen Verfehlungen lachen darf.

In Pfäffikon zu sehen ist auch eine Videoarbeit von Christina Benz. Darin dreht die Künstlerin auf einer spiegelglatten Eisfläche Pirouetten. Als sie nach einem ihrer Stürze länger liegen bleibt als gewöhnlich, wird sie von der Schaufel einer Schneeräummaschine vom Eis geschoben.

Die Arbeit stellt eine wichtige Frage, um die das Kuratorenteam, bestehend aus der Kunsthistorikerin Simone Kobler, der Pädagogin Ulrike Wehner und dem Psychologen Theo Wehner, einen Themenblock kreiert hat: Wer bestimmt, wann ein Vorhaben gescheitert ist? Wir selbst oder die Gesellschaft, die unser Handeln beurteilt? Eine Sammlung kritischer Zeitungsartikel über das um den Zürcher Hauptbahnhof im Entstehen begriffene Quartier Europaallee veranschaulicht: Projekte können für gescheitert erklärt werden, bevor sie überhaupt fertig sind.

Gerade umgekehrt verhält es sich in der Start-up-Kultur. In einem Umfeld, wo 55 bis 70 Prozent aller Projekte scheitern, gehört provokativ zur Schau gestellte Zuversicht zum Verhaltenskodex. Das nimmt oft groteske bis tragische Züge an.

Der italienische Medienkünstler Silvio Lorusso hat in seiner Arbeit «Fake it ’till you make it» Fernsehauftritte von zwei CEOs aus der amerikanischen Start-up-Szene zusammengeschnitten. Wie im Loop preisen sie ihre Firmen mit den immer gleichen Floskeln an. Auf der Hinterbühne des Erfolgs begehen beide später Selbstmord. Die Ironie der Geschichte: Zumindest eines der Unternehmen hat seinen Gründer überlebt.

Scheitern als Grundlage für Erfolg

Das Beispiel zeigt auf tragische Weise, dass gescheiterte Projekte im grossen Zusammenhang oft nur eine Teilstrecke zum Erfolg sind. Misserfolge können für spätere Generationen zur Basis von Erfolg werden. Der Chemiker Spencer Silver, Wegbereiter des Post-it-Zettels – ein solcher wird in Pfäffikon SZ mit anderen Zufallserfindungen wie dem Käse unter Glasglocken ausgestellt –, sah in dem wenig haftfähigen Klebstoff, der später auf den Post-it-Zetteln Karriere machte, einen beruflichen Tiefschlag. Erst sein Kollege sah das Potenzial, das zur Erfindung des Zettels führte.

Auch Faulenzen kann sich wie Erfolg anfühlen

Letztlich ist Scheitern eine Frage der Perspektive. Wer glaubt, dass sich Erfolg zwangsläufig mit aktiver Lebensführung einstellt, irrt. Wer sich zum Ziel setzt, den ganzen Tag auf der faulen Haut zu liegen, für den kann sich auch ein Nachmittag auf der Couch wie ein Sieg anfühlen.

Der finnische Künstler Janne Lehtinen versucht den alten Traum vom Fliegen mit nicht funktionsfähigen, aber wunderbar poetischen Flugkonstruktionen zu realisieren. Das inszenierte Scheitern ist ein Erfolgsrezept seiner Kunst. Die von der Künstlerin Heike Bollig gesammelten Konsumgüter mit Produktionsfehlern mögen in der Industrie unschöne Abweichungen von der Norm sein. In ihrer Andersartigkeit besitzen sie dennoch eine unverwechselbare Schönheit. Und wer weiss, ob die Produktetester, die auf den Fotos von Andreas Meichsner einem Plüschtier mit einer bizarren Apparatur das Knopfauge ausreissen, das Scheitern des Materials an der Sicherheitsnorm nicht sogar als persönlichen Erfolg verbuchen?

Wer aus dem Scheitern herausfinden will, muss die Kunst beherrschen, die scheinbar unüberbrückbare Kluft zwischen Realität und Wunscherfüllung für sich zu schliessen. Wie das geschieht – ob mit Poesie, Humor oder einer Neujustierung seiner Ziele –, ist nicht so entscheidend. Dass es geschieht, kann hingegen lebensverlängernd sein, denn der Tunnelblick ohne Licht am Ende führt nicht selten in den Suizid.

Im Stolpern Fantasie entwickeln

Die Psychologin Brigitte Boothe nennt diese Gabe «im Stolpern Fantasie entwickeln». Aus ihr eröffnen sich neue Perspektiven. Womit wir wieder bei Kafka und seinem berühmten Gregor Samsa wären: Die Verwandlung der Figur in ein Insekt mag der eine als Ausdruck für eine gescheiterte Existenz empfinden. Oder als eine erfolgreiche Strategie der Leistungsverweigerung.

Hinweis

«Ein Knacks im Leben. Wir scheitern ... – und wie weiter?» Ausstellung im Vögele-Kultur-Zentrum in Pfäffikon SZ. Öffnungszeiten: Mi/Fr–So, 11 bis 17 Uhr, Do, 11 bis 20 Uhr. Bis 26. März 2017.

www.voegelekultur.ch.

Julia Stephan
julia.stephan@luzernerzeitung.ch


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