Wie Cricket «Slumdog»-Millionäre macht

LITERATUR ⋅ Cricket ist in Indien beliebt. Gute Spieler sind Popstars. In den Slums träumen viele davon, es so weit zu bringen. Von ihnen erzählt Booker-Preis-Träger Aravind Adiga.

30. November 2016, 07:20

Aravind Adiga (42) ist längst der wichtigste indische Autor der Gegenwart. In seinem neuen Roman «Golden Boy» bleibt er seinen bisherigen Themen treu.

Er erzählt von Indiens dunklen Seiten: von Armut und sozialer Ungleichheit, von Homophobie und religiösem Hass, von den riesigen Unterschieden zwischen denen, die Erfolg haben, und anderen, die im Slum gross werden.

Gute Vorzeichen

Anand Mehta aus Mumbai gehört zu den Erfolgreichen, Mohan Kumar zu denen, die nur davon träumen. Kumar setzt seine ganze Hoffnung in seine beiden Söhne Radha Krishna und Manju.

Die beiden Männer gelten als begabte Cricketspieler, welche es bis ganz nach oben schaffen könnten. Mehta schliesst einen Vertrag mit Kumar. Er garantiert, die Karriere der beiden Söhne zu fördern.

Kumar zieht mit seinen Söhnen um. «Ist das wirklich unser neues Zuhause?», fragt sich Manju, als er in der neuen Wohnung die Wände abtastet. Ein Zuhause mit funktionierender Klimaanlage, einem grossen Eisschrank und einem eigenen Schrank nur für Cricketkleidung, Sportlernahrung und Antibiotika. Für die Kumars geht es aufwärts.

Ernüchterung statt Happy End

Aber Aravind Adiga erzählt keine Geschichten von Glück und Erfolg. Seine Romane sind illusionslos und ernüchternd.

Sein grossartiges Debüt «Der Weisse Tiger» (2008), für den der in Mumbai lebende Autor den Booker-Preis erhalten hat, handelt ebenfalls von einem Ausnahmekind, das es schaffen könnte, die Welt der Armen hinter sich zu lassen. Aber Halwai muss lernen, wie korrupt, ungerecht und brutal die indische Gesellschaft ist. Ähnlich sind die Erfahrungen, welche Radha und Manju in «Golden Boy» machen. Die Hoffnung, gefeierte Cricketstars zu werden, erfüllt sich nicht. Mit ihrem vom Ehrgeiz besessenen Vater zerstreiten sie sich. Manju lernt Javed Ansari kennen, einen jungen, faszinierenden Cricketspieler, welcher einerseits ein Konkurrent zu sein scheint, zu dem er sich andererseits immer stärker hingezogen fühlt, obwohl Ansari als «Homo» gilt. Schwul sein ist in Indiens Gesellschaft ein Tabu, unter Cricketspielern umso mehr.

Adiga erzählt erneut ungeschönt von Mumbais und Indiens Gegenwart. Ganz so eindrucksvoll und temporeich wie beim Debüt gelingt ihm das jedoch nicht.

Andreas Heimann, dpa
kultur@luzernerzeitung.ch.ch


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