«Gilmore Girls» – zehn Jahre später

TV-SERIE ⋅ Die neuen Folgen der «Gilmore Girls» sind da. Die Herausforderung: Im Leben aller Beteiligten, auch der Fans, ist es zehn Jahre später.

02. Dezember 2016, 07:31

Es war das Jahr 2004. Ich litt an einer Schreibblockade der gröberen Sorte. Eine Masterarbeit in französischer Literatur musste her. Der Professor liess mir so viel Freiheit, dass es an Vernachlässigung grenzte. Es gab keine Deadline, und mein Arbeitsort lag 200 Kilometer von der Universität entfernt. Dennoch sollte es der wissenschaftliche Text des Jahrhunderts werden. Ideale Voraussetzungen, um keinen Finger zu rühren und von der Studentin zum Serienjunkie zu mutieren.

«Friends» hatte gerade die letzten Folgen in den Äther geschickt, ebenso «Sex And The City». Ich hatte also innert kurzer Zeit zwei Fernsehfamilien verloren. Sie hatten meine Freunde und mich durch die Uni-Jahre gebracht. Da stiess ich eines Nachmittags auf «Gilmore Girls». Und war so verzaubert wie Millionen anderer Frauen.

Was die Serie um das Drei-Generationen-Paket Lorelai, Rory und Emily Gilmore zum Geheimtipp unter den amerikanischen TV-Produktionen machte, war – alles. Die schnellen Dialoge, die liebevolle Zeichnung der Charaktere: ein Haufen verrückter Individualisten, gekonnt vermischt mit den Zutaten, die Frauenherzen im Allgemeinen an den Bildschirm fesseln: komplizierte Liebesgeschichten, starke Frauenfreundschaften.

Alte Griechen und Indie-Bands

Was noch relativ neu war in den 2000ern: Die Serie spielte weder in schicken New Yorker Restaurants noch auf einer kleinen Farm oder im Weltall. Sondern in der Vorstadt, in der Uni-Bibliothek und im Minimarkt um die Ecke. «Very relatable», würden die Amis sagen – was sich am ehesten mit «hohes Identifikationspotenzial» übersetzen lässt.

Ebenfalls neu war, dass mit Lorelai eine alleinerziehende Mutter, die mit 16 schwanger geworden war, zur Heldin einer Serie wird. Das Format wurde so erfolgreich, dass es über sieben Staffeln verlängert wurde. Lorelais Tochter Rory ist ein intellektueller Bücherwurm, der, ohne mit der Wimper zu zucken, alte Griechen und neue Indie-Bands in einem Atemzug zitiert.

Die «Gilmore Girls» trinken Kaffee ohne Ende. Sehr zum Missfallen von Luke, dem Inhaber des Diners von Stars Hollow, der fiktiven Kleinstadt in Connecticut. Grossmutter Emily hat immer einen Scotch zur Hand. Alles in allem war es ein Plot ohne Scheuklappen, reizend erzählt von den Machern Amy Sherman-Palladino und ihrem Ehemann Daniel Palladino.

Dass das Ende der Serie im Jahr 2007 für alle eine Überraschung war, lässt sich daran erkennen, dass fast keiner der unzähligen Erzählstränge ein befriedigendes Ende gefunden hatte. Nun setzt Netflix dem Warten der riesigen Fangemeinde auf eine Fortsetzung nach fast zehn Jahren ein Ende.

Die Girls hadern wieder mit sich, den Männern und ihrem Alltag. Es ist auch in Stars Hollow zehn Jahre später. Rory (Alexis Bledel) ist 32, Lorelai (Lauren Graham) knapp 50, und die Herren sind mehrheitlich angegraut.

Es ist eine Mischung aus Nachhausekommen, Familienzusammenführung und Heimatgefühl. Die Macher bemühen sich, Altbekanntes mit der Weiterentwicklung der Charaktere zu vereinen. Um Spoiler zu vermeiden, hier nur dies: Es sind immer noch alle ein bisschen verloren. Was unvermeidlich zur Frage führt: Und wo stehen wir in unserem Leben, zehn Jahre später?

Odilia Hiller
kultur@luzernerzeitung.ch

Lorelai (Lauren Graham) und Rory (Alexis Bledel) sind zurück: mit frechen Sprüchen, Verve und viel Liebe. Die achte Staffel der US-Fernsehserie «Gilmore Girls» ist auf Netflix erhältlich. (youtube.com, 02.12.2016)




Login


 

Leserkommentare

Anzeige: