«News from Nowhere» – Mut zum Provisorischen

AUSSTELLUNG IN STANS ⋅ In ihrer ersten Einzelausstellung montiert und collagiert Anita Zumbühl Fundstücke. Im Nidwaldner Museum schafft sie so ausdrucksstarke Spannungsfelder zwischen Illusion und Material.

24. November 2016, 07:27

Ein bisschen fühlt man sich als Aussenseiter, wenn man die Eingangshalle des Stanser Winkelriedhauses betritt. Dort wird man von einer Gruppe von von der Decke hängenden Mänteln erwartet. Die stoffliche Präsenz dieser Umhänge weckt den Spürsinn: Was hält diese Gruppe zusammen, dass sie so geschlossen gegen aussen auftritt?

«Bündnis» heisst die ortsspezifische Arbeit, die Anita Zumbühl in einer ihrer vielfältigen Kollaborationen mit Anna Hilti umgesetzt hat. Die beiden schaffen eine Stimmung, die sowohl an die Vergangenheit als auch an die Gegenwart erinnert und sogar etwas Futuristisches anklingen lässt. Impuls für dieses frei erfundene Szenario war ein historisches Ereignis in Nidwalden: der sogenannte «Franzosenüberfall» von 1798. Die Installation thematisiert die Schaffung von Gruppenidentitäten über Kleidung, unser Verflochtensein mit Zeit und Raum und – für Zumbühls Schaffen wesentlich: den prozesshaften, offenen, intuitiv geleiteten Umgang mit Material. Das Textile, Stoffliche, Gewobene ist in der gesamten Ausstellung nie ausschliesslich Träger für Botschaften, sondern macht vielmehr mit Nachdruck auf sich selbst aufmerksam.

Fundstücke aus der Natur

Was passieren kann, wenn die Sensibilität für die Materialität der Dinge erst mal geweckt ist, wird einem in der Winkelriedhaus-Kapelle bewusst. Hier liegen auf einem historischen Altar zu Objektcollagen verarbeitete Fundstücke aus der Natur: ein moosbewachsenes, mit Kristallen bestücktes Totenkopfgebilde, von Holzwürmern durchlöcherte Holzstrünke, die wie Klauen oder Hände aussehen. Streift der Blick nun hoch zum Altarbild, ertappt man sich dabei, wie man nicht (wie vielleicht sonst oft) dem spirituellen Inhalt des Dar­ge­stellten nachsinniert, sondern die vielen kleinen Löcher im Holz entdeckt, oder, angeregt von der Haptik der Holzstrünke, mit besonderer Sorgfalt die Hände der Dargestellten auf dem Bild betrachtet.

Bei Zumbühls Arbeiten, die sich durch eine Vielfalt an Ausdrucksformen auszeichnen, wird der Entstehungsprozess erfahrbar, und auch das Ergebnis zeigt sich als provisorisches. Alle Setzungen, die sie aufbaut, verweisen in Farbe, Material und Form aufeinander. Oft arbeitet die Künstlerin gleichzeitig an Verschiedenem, nach dem Prinzip, dass das eine zum anderen führt. Das merkt man auch im Pavillon. Hier lehnen bunt bemalte Dachlatten an der Eingangswand. Es scheint, als hätte die Künstlerin sie gerade eben hingestellt, nachdem sie mit ihnen und weiterem vorgefundenem Material in der Mitte des Raumes eine verästelte Anordnung geschaffen hatte.

Eingefärbte Textilien, die seltsame Silhouetten andeuten, umhüllen das Gebilde. Man ist versucht, sich auszumalen, was sich unter den Tüchern verbirgt, und möchte es eigentlich doch nicht wissen. Aber das Material lehnt sich gegen diese Sehnsucht auf: Unter den Tüchern blitzen keck Stuhlbeine hervor. Ähnlich geht es einem beim Betrachten der grossformatigen textilen Collagen, die an das Weltall erinnern: Wie schön wäre es, sich jetzt im Nirgendwo zu verlieren, abzudriften in die Weite. Aber nix da! Wilde textile Versatzstücke durchzucken rhythmisch die Wandbilder. Durch dieses Aufbauen von Illusionen und ihr gleichzeitiges Aufbrechen schafft Zumbühl Raum für einen neuen Zauber: den Zauber von Material und Farbe.

Andrea Portmann
kultur@luzernerzeitung.ch


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