Grosses Kino am Zurich Film Festival

ZÜRICH ⋅ Nicht weniger als 172 Filme werden an der diesjährigen Ausgabe gezeigt. Keine leichte Aufgabe für Kinofreunde, sich sein eigenes Programm zusammenzustellen. Wir helfen mit Tipps.

Regina Grüter
regina.grueter@luzernerzeitung.ch

«Der Mix von Glamour und künstlerischer Neugier, Weltläufigkeit und lokaler Verwurzelung ist das Geheimnis des Zurich Film Festival.» Die Einschätzung der Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch ist naturgemäss sehr positiv, aber treffend.

Denn was macht Filmfestivals interessant? Nicht nur die grossen Gala-Premieren von Filmen, die wenige Wochen später bei uns im Kino anlaufen, sondern vor allem neue, junge Filme, die so ein verdientes Publikum erhalten. Die Wettbewerbssektionen «Internationaler Spielfilm», «Internationaler Dokumentarfilm» und «Fokus Schweiz, Deutschland, Österreich» präsentieren deshalb ausschliesslich erste, zweite oder dritte Regiearbeiten – insgesamt 38. Die Auswahl findet hier nach Thema und eigenen Präferenzen statt.

Ein weiteres Merkmal für die Attraktivität von Filmfestivals ist die Anzahl Weltpremieren, dieses Jahr 17 gegenüber 14 im Vorjahr. Das Schöne dabei ist, dass man nie so genau weiss, worauf man sich einlässt. Bei Filmen, die bereits in Berlin, Cannes oder Venedig gespielt wurden und dementsprechend Medienpräsenz erhalten haben, hingegen schon.

Auch ermöglicht ein Festival dem Filmliebhaber, in Erinnerungen zu schwelgen oder Meisterwerke der nationalen und internationalen Filmkunst erstmals auf grosser Leinwand zu sehen. Das Zurich Film Festival widmet dieses Jahr Regisseur Olivier Assayas und Marcel Hoehn je eine Retrospektive.

Und natürlich lebt ein Festival von der Begegnung – man möchte die diversen Stars, die heuer in Zürich ihre Filme promoten, nicht missen. Weitaus interessanter jedoch, als den Promis beim Marsch über den grünen Teppich zuzusehen, sind die «ZFF Masters» im Filmpodium, wo die Filmschaffenden Ewan McGregor, Woody Harrelson, Daniel Radcliffe und Olivier Assayas über ihre Arbeit sprechen.

 

Das Leben entlang der Grenzmauer

«Borderland Blues» Zoom

«Borderland Blues» (PD)

Fokus Die Sektion «Fokus Schweiz, Deutschland, Österreich» setzt auf Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum. Hier kann man Dokumentar- und Spielfilme antreffen. Nach der Schweizer Doku «Broken Land» dokumentiert die deutsche Produktion «Borderland Blues» die Lage entlang der kilometerlangen Grenze zwischen den USA und Mexiko (Fr, 23. 9., 21.15 und Do, 29. 9., 14.15, Arthouse Piccadilly; So, 25. 9., 16.45, Arena 3; Di, 27. 9., 16.30, Arena 7). Die Auswahl fiel hier schwer. Sie hätte auch auf die Tragikomödie «Was hat uns bloss so ruiniert» von Marie Kreutzer fallen können, die letztes Jahr mit «Gruber geht» im Wettbewerb vertreten war (Di, 27. 9., 21.15, Corso 2; Do, 29. 9., 16.00 und Fr, 30. 9., 21.15 Arena 7). (reg.)

 

Die USA rüsten die Polizei für die Zukunft

«Do Not Resist» Zoom

«Do Not Resist» (PD)

Dokumentarfilm Polizeigewalt beschäftigt die USA. Die Erschiessung des afroamerikanischen Schülers Michael Brown hat eine Protestwelle ausgelöst, die auch in den jüngsten Alben
afroamerikanischer Musiker wie D’Angelo oder Kendrick Lamar ihren Niederschlag fand. Doch wo lauert die Gefahr, der mit Hochsicherheitstechnologie und Einsätzen von Spezialeinheiten entgegengetreten werden soll? Mit der Frage, wie Polizeiarbeit in der Zukunft aussehen könnte, hat sich Craig Atkinson in «Do Not Resist» auseinandergesetzt. Und ist damit im Rennen um den besten Dokumentarfilm.
Wird aufgeführt am: Fr, 23. 9., 19.00, Arena 7; Sa, 24. 9., 14.15, und Fr, 30. 9., 21.45, Corso 4; Sa, 1. 10., 22.00, Arthouse Picadilly. (reg.)

 

Die wahre Geschichte vom verliebten Boxer

«Hymyilevä mies» («The Happiest Day In The Life Of Olli Mäki») Zoom

«Hymyilevä mies» («The Happiest Day In The Life Of Olli Mäki») (PD)

Spielfilm Was aussieht wie ein Film von Aki Kaurismäki, ist keiner. Mit «Hymyilevä mies» («The Happiest Day In The Life Of Olli Mäki») kann man sich davon überzeugen, dass Finnland mehr zu bieten hat als sein berühmtestes filmisches Aushängeschild. Der in den 1960er-Jahren spielende biografische Spielfilm von Juho Kuosmanen über den talentierten Boxer Olli Mäki – er trat im Titelkampf gegen den amerikanischen Weltmeister Davey Moore an – wird bereits als Meisterwerk gehandelt. Den lakonischen Humor eines Kaurismäki muss man in diesem (Anti-)Sport- und Liebesfilm trotzdem nicht missen. Die Schweizer Premiere läuft im Corso 2: Fr, 23. 9., 21.30; Mi, 28. 9., 18.45; Fr, 30. 9., 13.30; So, 2. 10., 13.30. (reg.)


 

Gelebte Leidenschaft über vier Jahrzehnte

«Il bacio di Tosca» Zoom

«Il bacio di Tosca» (PD)

Retrospektive «Die Schweizermacher» (1978) ist seine erfolgreichste Produktion – und der an den Kinokassen erfolgreichste Schweizer Film aller Zeiten. Marcel Hoehn hat aber auch Filme von europäischen Meisterregisseuren wie Francesco Rosi oder Jacques Rivette produziert. Prägend für den Schweizer Film war seine wiederholte Zusammenarbeit mit Daniel Schmid und Christoph Schaub. Am 27. September wird dem Schweizer Produzenten Marcel Hoehn der «Lifetime Achievement Award» verliehen. Daniel Schmids «Il bacio di Tosca» läuft im Rahmen der Retrospektive am Samstag, 1. Oktober, um 19.30 Uhr im Corso 3. (reg.)

 

Mexiko – ein Land der Widersprüche

«Neue Welt Sicht: Mexiko» Zoom

«Neue Welt Sicht: Mexiko» (PD)

Neue Weltsicht Das Land Mexiko ruft widersprüchliche Bilder hervor: schöne Strände, Drogenkrieg, Armut, kultureller Reichtum. Unter dem letzten Punkt lässt sich auch Mexikos Filmschaffen einordnen, das von solchen Gegensätzen wohl beflügelt wird. Drogen, Gewalt, Korruption, Liebe, Krankheit und Tod sind denn auch die Themen in der Reihe «Neue Welt Sicht: Mexiko». Anstatt sich einen Film anzusehen, empfiehlt sich hier das Kurzfilmprogramm, kuratiert von den Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur.
Spielzeiten: Sa, 24. 9., 19.00, Filmpodium; Di, 27. 9., 20.15 und Sa, 2. 10., 14.30, Arena 3. (reg.)

 

Auf der Flucht im Zweiten Weltkrieg

«Die letzte Chance» Zoom

«Die letzte Chance» (PD)

Special Screenings «Special Screenings» ist die Auswahl «einzigartiger und brandneuer Filme», heisst es im Begleitheft zum Zurich Film Festival. Alt, aber einzigartig ist Leopold Lindtbergs «Die letzte Chance» aus dem Jahr 1945, der in einer restaurierten Fassung vorliegt. Den Film mit brandaktueller Thematik möchte man dem Festivalgänger besonders ans Herz legen: Ein britischer und ein amerikanischer Soldat begleiten jüdische Flüchtlinge 1943 auf dem gefährlichen Weg über die Berge in die Schweiz. Der Schweizer Kinoklassiker wird am Donnerstag, 29. September, um 18.45 Uhr im Kino Arena 7 gezeigt. (reg.)


 

Eine Liebe, die an sieben Tagen stattfindet

«Sette Giorni» Zoom

«Sette Giorni» (PD)

Gala-Premieren Der Schweizer Regisseur Rolando Colla hat mit «Das bessere Leben ist anderswo» (2012) zuletzt einen Dokumentarfilm gedreht. Nach dem grossartigen Familiendrama «Giochi d’estate» (2011) kehrt Colla nun zum Spielfilm zurück: Die Weltpremiere von «Sette Giorni» findet am Samstag, 1. Oktober, als «Gala Premiere» statt (21.15, Arthouse Le Paris; So, 2. 10., 20.30, Filmpodium). Das Drama handelt von Ivan und Chiara, die sich auf eine Affäre einlassen, obwohl beide ihre bestehenden Beziehungen nicht aufs Spiel setzen wollen. Doch lässt sich die Liebe kontrollieren? Das gilt es in sieben Tagen herauszufinden. (reg.)
 
 
 


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