«Als moderne Frau mag ich aktive Frauenrollen»

PREMIERE ⋅ Das Luzerner Theater beschwört mit Jules Massenets romantischer Oper «Manon» eine Kindfrau, die als Femme fatale endet. Die Sängerin Magdalena Risberg sagt, wie sie als moderne Frau ihre Figur dennoch nicht als Opfer sieht.
11. November 2017, 09:21

Magdalena Risberg, in Massenets Oper «Manon» wird zu Beginn ein unschuldiges Mädchen von reichen Herren bedrängt. Da kommen einem Hollywood-Skandale um sexuelle Übergriffe in den Sinn. Kann eine Regie so rasch auf Aktualität reagieren?

Im Stück und in unserer Interpretation geht es um etwas anderes. Klar, Manon soll in ein Kloster gebracht werden. Aber sie selber ist keineswegs das unschuldig-süsse Mädchen, das zum Opfer wird. Sie ist überhaupt kein Opfer, sondern nimmt die Entscheidungen über ihr Leben selber in die Hand. Als moderne Frau mag ich solche aktiven Frauenrollen.

Später im Stück verlässt Manon ihre grosse Liebe, um ein Leben in Luxus zu führen. Wie deuten Sie das psychologisch aus heutiger Sicht?

Ich würde nicht sagen, dass es ihr um ein Leben in Luxus geht. Dieser ist ein Symbol für das extravagante, aufregende Leben, nach dem sie sich seht. Auch dieser Lebensdurst macht aus Manon eine starke Frau, die alle Möglichkeiten auskosten will.

Im Stück kehrt sie zeitweilig reumütig zu ihrem Geliebten zurück. Woran scheitert sie?

Daran, dass sie zwei Welten zusammenzubringen sucht, die in ihrem Fall nicht zueinander passen. Solche Probleme kennen wir ja alle aus unserem eigenen Alltag. Ich arbeite als Opernsängerin hier in Luzern, mein Freund aber lebt in Schweden, wo ich selber herkomme – schon das ist eine Herausforderung (lacht).

Welche Welten fallen denn bei Manon auseinander?

Das zeigt sich schon im ersten Akt, wo sie auf ihren Cousin wartet, der sie ins Kloster bringen soll. Da ist zum einen eine Partygesellschaft, die sie zu einem Leben in vollen Zügen verlockt. Aber als des Grieux den Raum betritt, ist da auch die grosse Liebe, die auf einen Schlag alles verändert. Das ist ein Moment, in dem alles stimmt. Aber in der Folge muss sie sich entscheiden zwischen dieser Liebe, die auch für ein häusliches Glück steht, und einem Leben, das man feiert wie ein Fest.

Und beides lässt sich nicht vereinen?

Im luxuriösen Leben, das ein neuer Liebhaber Manon ermöglicht, wird sie auch bei uns zur Partykönigin, die alle bezaubert. Doch dieses Partyleben lässt in ihr auch eine innere Leere zurück. Im Grunde scheitert sie erst, als sie beides miteinander zu verbinden und nach ihrer Rückkehr zu des Grieux diesen in eine ihm fremde Welt hineinzuziehen versucht.

Die Oper endet tragisch, als Manon bei einer letzten Begegnung mit ihrer grossen Liebe stirbt. Kann man heute, wo sich gesellschaftliche Konventionen auflösen, einen so rigorosen Schluss stehen lassen?

Wir haben einen etwas anderen Schluss gewählt, der auch für mich als Sängerin besser zum grossen Ton und den satten Farben von Massenets Musik passt. Der Schluss ist ähnlich offen wie in «Rigoletto», in dem ebenfalls Marco Storman Regie führte. Nur dass hier, in «Manon», die Liebe tatsächlich stirbt.

Die «Rigoletto»-Inszenierung in der Viscosihalle war ein Spektakel. Was kann man davon in einer Guckkastenbühne wie im Luzerner Theater einbringen?

Die Möglichkeiten dafür sind in diesem Haus natürlich beschränkt, obwohl ich die Direktheit und die Nähe zum Publikum liebe, die der kleine Raum bietet. «Manon» spielt darin in einer Blackbox. Manon hebt sich ganz in Gelb wie eine Fremde von den anderen und vom Geschehen um sie herum ab. Storman setzt quasi Spotlights und hat zudem viele Schnitte angebracht, die verdeutlichen, dass auch zwischen den einzelnen Szenen viel passiert.

In der Wiederaufnahme der «Zauberflöte» stehen Sie ab Dezember wieder als Pamina auf der Bühne. Da macht Sie umgekehrt die Inszenierung zum Opfer.

Ja, Pamina ist ein Opfer, weil sie keine eigenen Entscheidungen fällen kann. Schon im Stück werden ja Tamino von Sarastro und Pamina von ihrer Mutter, der Königin der Nacht, fremdgesteuert.

Ein Chance auszubrechen, bietet das Duett von Pamina und Papageno, das in der Inszenierung von Wouter van Looy die Intensität eines heimlichen Liebesduetts gewinnt. Hatten Sie keine Lust, da auch aus der Opferrolle auszubrechen?

Stimmt, Pamina und Papageno hätten zusammenfinden müssen! Allerdings hätte man dafür später eine Lösung für die Papagena finden müssen. Aber grundsätzlich finde ich schon, dass alles möglich ist. Gerade deshalb mag ich die Zusammenarbeit mit Marco Storman, wo wir vieles in Diskussionen erarbeitet haben. Schon in der Ausbildung in Schweden haben wir viel diskutiert, wie man Frauen auf der Bühne darstellen soll. Die Arbeit an «Manon» führte solche Fragen direkt weiter.

Interview: Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Hinweis

«Manon» von Jules Massenet im Luzerner Theater. Premiere: Sonntag, 12. November, 19 Uhr, mit Nicole Chevalier in der Titelrolle, Magdalena Risberg singt die Manon erstmals in der Zweitaufführung vom 17. November.


Leserkommentare

Anzeige: