Rolling Stones: Alt, aber nicht leise

ROCK-'N'-ROLL ⋅ Ihr Werdegang ist auch die Geschichte der Rockmusik. Die «grösste Rock-’n’-Roll-Band der Welt» in acht Platten von Vorbildern, Weggefährten und Nachahmern.
17. September 2017, 09:09

Kaspar Enz

Als die Rolling Stones zum ersten Mal in Zürich auftraten, lösten sie einen Tumult aus: Trotz Grossaufgebot der Polizei, welche die Fans schon vor der Halle nur mit Wasserschläuchen im Zaum halten konnten, stürmten rund 1000 Fans die Bühne und hinterliessen die Einrichtung des Hallenstadions und der Umgebung in Trümmern.

Wenn die «grösste Rock’-n’-Roll-Band der Welt» am Mittwoch im Letzigrund die Bühne betritt, dürfte es gesitteter zu- und hergehen. Es ist zwar nicht auszuschliessen, dass einige der damaligen Radaubrüder auch diesmal dabei sind, doch dürften sie in den ziemlich genau 50 Jahren in Würde gealtert sein – genau wie ihre Vorbilder, die sich auch mit weit über 70 nicht vom Auftreten abhalten lassen, wenn sie dafür altersgerecht bezahlt werden.

Seit 55 Jahren gibt es die Band schon. Ihre Geschichte ist deshalb auch die Geschichte der Rockmusik: von den Bluesmusikern, denen nicht nur die Stones nacheiferten, sondern auch ihre Weggefährten in den 1960er-Jahren, bis zur nachhaltigen Wirkung, die die Band bis heute hat. Die folgenden acht Platten sind zwar nicht von den Stones. Trotzdem erzählen sie viel über die Stones, ihre Vorbilder, ihren Werdegang und ihren Einfluss.

Muddy Waters: «The Best of Muddy Waters», 1958

Als Keith Richards 1961 an einem Bahnhof bei London seinen Schulfreund Mick Jagger traf, hatte dieser zwei Platten dabei: Eine von Chuck Berry und das Best-of-Album von Muddy Waters. Beide waren keine 20 und grosse Fans von Chicago-Blues-Künstlern wie Little Walter, Howlin’ Wolf oder Muddy Waters. Dessen Song «Rollin’ Stone» gab der Band, die Jagger und Richards bald gründeten, ihren Namen. Weitere Songs der Platte, wie «I Just Wanna Make Love To You» oder «I Can’t Be Satisfied» finden sich auch auf den frühen Alben der Stones.

Chuck Berry: «Come On», 1961

Einmal schickte Chuck Berry ihn von der Bühne, ein andermal schlug er ihm ins Gesicht. Doch seinen grössten Fan wurde er nie los: Er habe jedes Lick auswendig gelernt, das Chuck Berry je gespielt habe, sagte Keith Richards einst über sein grösstes Vorbild. Ein Song des Rock ’n’ Roll-Pioniers fand auf jedem der frühen Stones-Alben und EPs Platz. Und nachdem die Band 1963 ihren ersten Plattenvertrag ergatterte, erschien im Juni jenes Jahres die erste Single der Stones: Eine Coverversion von Chuck Berrys «Come On».

Don Covay: «Mercy», 1965

Die frühen Stones nannten sich «Rhythm and Blues»-Band, und so coverten sie Sam Cooke, Marvin Gaye – oder Don Covay. Der hatte «Mercy, Mercy» mit einem jungen Studiogitarristen namens Jimi Hendrix 1964 als Single veröffentlicht. Hört man das Original zum ersten Mal, könnte man meinen, es singe darauf Mick Jagger oder ein guter Imitator. Dabei ist es genau umgekehrt: Jagger hielt sich bei den Aufnahmen in den heiligen Chess-Studios sehr genau an Covays Singstil – und behielt viele Elemente davon bis heute bei.

The Small Faces: «Small Faces», 1966

Die Rolling Stones waren nicht die einzigen, die im London der 1960er Blues- und Soul-Platten nachspielten. Zu den Small Faces stiessen Ende des Jahrzehnts auch Rod Stewart und der spätere Stones-Gitarrist Ron Wood. In der Originalbesetzung begannen sie ihr zweites Album mit dem Sam-Cooke-Song «Shake». Und auf «You Need Loving» arbeiteten sie sich mit aufgedrehten Verstärkern an Muddy Waters’ «You Need Love» ab, ohne den Autor des Originals zu nennen. Aus der selben Nummer machten Led Zeppelin später «Whole Lotta Love» – sie wurden aber erwischt.

Flying Burrito Brothers: «Burrito Deluxe», 1971

Mit den Byrds und den Flying Burrito Brothers erfand Gram Parsons den Country-Rock und war bald ein guter Freund von Keith Richards. So entstanden Songs wie «Wild Horses», das die Flying Burrito Brothers noch vor den Stones einspielten. Parsons war auch bei den Aufnahmen für das Al­bum «Exile on Main Street» dabei, wur­de aber rausgeschmissen: Er und Richards in­teressierten sich zu sehr für Heroin, zu wenig für Studioarbeit.

David Bowie: «Young Americans», 1975

Mick Jaggers Einfluss ging weit über die Musik hinaus. Sein Kleidungsstil, das gockelhafte Gehabe und sein Spiel mit Geschlechterrollen beeinflusste eine ganze Generation von Musikern, die bald als «Glam Rocker» bezeichnet wurden: Marc Bolan oder David Bowie, der mit 18, als Sänger einer Blues Band, davon träumte, Mick Jagger zu sein. Zehn Jahre später machte Bowie Mick Jagger neidisch: In Philadelphia nahm er mit einer Band aus Funk- und Soul-Musikern das Album «Young Americans» auf.

Aerosmith: «Aerosmith», 1973

«Satisfaction» war 1965 der erste grosse Welthit der Rolling Stones. Das verzerrte Gitarrenriff des Songs war eine frühe Inspiration für den Hard Rock, der gegen Ende der 1960er-Jahre entstand. Für die US-Band Aerosmith waren die Stones mehr als eine Inspiration. Da Sänger Steven Tyler seinem Vorbild Mick Jagger nicht nur ähnelte, sondern sich auf der Bühne auch ähnlich benahm, wurde er lange als «Jagger-Abklatsch» bezeichnet.

Peter Tosh: «Bush Doctor», 1978

Statt sich eine neue Plattenfirma zu suchen, als ihr Vertrag mit Decca 1970 auslief, gründeten die Rolling Stones kurzerhand ein eigenes Label. Allerdings bemühten sie sich nie besonders darum, andere Künstler unter Vertrag zu nehmen. Eine der ganz wenigen Ausnahmen war der Reggae-Sänger Peter Tosh. Der veröffentlichte 1978 «Bush Doctor», auf dem auch Jagger und Richards mitwirkten. Allerdings verliess Tosh das Label nach zwei weiteren Alben wieder – er soll sich mit den Stones zerstritten haben.


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