Am Ende der totale Zusammenbruch

LUCERNE FESTIVAL ⋅ Unter auch herkunftsmässig verschiedenen Dirigenten spielten die Wiener Philharmoniker die Schlusskonzerte. Hielt Michael Tilson Thomas die Tradition aufrecht, wagte Daniel Harding sich an zwei gegensätzliche Fin-de-Siècle-Werke.
11. September 2017, 04:39

Die Berliner Philharmoniker und die Wiener Philharmoniker sind die traditionsreichsten und wohl auch besten Sinfonieorchester Europas. Nicht zufällig sind sie auch jene, die mit wenigen Ausnahmen jedes Jahr in Luzern auftreten. Indes spielen die Berliner jeweils mit ihrem Chefdirigenten, die Wiener dagegen fast jedes Jahr mit anderen Dirigenten, weil sie die Institution eines Chef­dirigenten nicht kennen. In Luzern sind es dieses Jahr Michael Tilson Thomas und Daniel Harding.

Das erste Konzert umfasste Werke von drei Komponisten, die alle in Wien heimisch geworden sind: Brahms, Mozart und Beethoven. Dirigent und Solist allerdings waren keine Wiener, sondern Amerikaner. Ob wohl Michael Tilson Thomas zu den Wiener Philharmonikern passe, fragte etwas besorgt eine ältere Dame vor Konzertbeginn.

Und wie er passte! In Beethovens Siebter Sinfonie holte er das Orchester voll aus der Reserve, die es sich im ersten Teil vor allem beim Klavierkonzert Es-Dur KV 449 von Mozart noch auferlegt hatte. Dort hatte sich auch Solist Emanuel Ax auf einen runden Anschlag und sprudelnde Geläufigkeit beschränkt, womit es dem Konzert, in der Mozart den Operndramatiker erkennen lässt, an Spannung fehlte. Zumal zwischen Orchester und Solist kein echter Dialog entstand.

Doch dann zu Beethoven: Schon die mit Klangmacht vorgetragene Einleitung legte Tilson Thomas, der in gewisser Weise an seinen Mentor Leonard Bernstein erinnert (aber ohne dessen exzentrische Gestik), in der Sinfonie Nr.7 A-Dur breit an. Indem er alle Wiederholungen berücksichtigte, bewahrte er ihr auch die bei aller rhythmischen Vehemenz doch klassischen Proportionen. Die Sinfonie erwuchs als ein geschlossenes Ganzes und wurde doch in ihren Einzelteilen belebt. Im Trauermarsch blühte die an den Wienern immer wieder gerühmte Kantabilität herrlich auf.

Aber auch in den rhythmisch betonten Ecksätzen durchleuchtete das Orchester die Sinfonie bis in die hintersten Winkel, wobei besonders die Holzbläser durch Klarheit und Agilität glänzten. Der Schlusssatz lebte von der Kompaktheit aller Register und dem unerbittlich vorwärtsdrängenden Rhythmus. So erklang das Finale in einem mächtigen Bogen über die lyrischen Einschübe hinweg in einer nie abbrechenden Steigerung wirklich «con brio». Mit der Zugabe, einem Ungarischen Tanz von Brahms, schloss sich der Kreis.

Ein Anti-Wagner und auch ein Anti-Mahler

Das zweite Konzert gestern Abend lohnte sich nur schon wegen der Suite «Pelléas et Mélisande», die der Dirigent Erich Leinsdorf zusammengestellt hatte und die erstmals am Lucerne Festival erklang. Das ist nicht nur ein Anti-Wagner, sondern auch ein Anti-Mahler, dessen Musik der französische Impressionist überhaupt nicht gemocht hat. Und doch berührt diese sich mit Wagners «Tristan»-Drama. Harding ergriff jede Gelegenheit, mit den hervorragenden Streichern die unerfüllte Sehnsucht eines zum Untergang verurteilten Liebespaars zu beschwören.

Eine totale Gegenwelt stellte das Hauptwerk des Schlusskonzerts dar, die gewaltige bis monströse Sinfonie Nr. 6 a-Moll von Gustav Mahler. Es ist ein einziges Ringen zwischen abgründigen Mächten und Sehnsuchtsvisionen des Friedens und der Liebe. Am Ende steht der totale Zusammenbruch – die einzige Sinfonie Mahlers, die tragisch endet. Während des 85-minütigen Ringens evozierte Harding primär die zerstörerischen Züge und hob die ironischen schärfer hervor als Abbado 2006 mit dem Lucerne Festival Orchestra. Nach den brutalen Marschrhythmen war man froh, dass nicht das Scherzo, das zuerst an zweiter Stelle stand, sondern das Andante moderato folgte. Hier konnten sich die Wiener von ihrer ätherischen Seite zeigen, während Harding im Finalsatz die Lautstärke übertrieb, die mit den beiden Hammerschlägen extreme Ausmasse annimmt.

Fritz Schaub

kultur@luzernerzeitung.ch


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