«Im Iran gibt es keine Homosexuellen»

KUNST ⋅ Heute wählen die Iraner ihren neuen Präsidenten. Derweil gibt eine kleine Fotoausstellung der Genferin Laurence Rasti im Luzerner Kunstraum Sic! Einblicke in das schwierige Leben iranischer Homosexueller.
19. Mai 2017, 05:00

2007 hielt Irans damaliger Präsident Mahmud Achmadinedschad vor Studenten der New Yorker Columbia-Universität eine Rede. Konfrontiert mit der Todesstrafe für Homosexuelle in seiner Heimat, konterte Achmadinedschad mit dem Satz: «Im Iran gibt es keine Homosexuellen.»

Der unwahre Satz ist insofern wahr, als er die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Homosexuellen im Iran benennt. Ihre Neigung hat in der iranischen Gesellschaft lediglich als Krankheit einen Platz. Von Ärzten wird sie mit Psychopharmaka und Geschlechtsumwandlungen «kuriert». Wer beim Sexualverkehr erwischt wird, dem drohen Peitschenhiebe oder Todesstrafe.

Die junge Genferin Laurence Rasti, Tochter iranischer Eltern, ist nicht die Erste, die sich mit diesem Thema auseinandergesetzt hat. BBC-Reporter Ali Hamedani hat homosexuellen Iranern, die einst aus Angst vor Geschlechtsumwandlungen in die Türkei geflohen sind, bereits 2014 einen Dokumentarfilm gewidmet.

Rasti folgt diesem dokumentarischen Ansatz. Mehrmals reiste sie in die türkische Stadt Denizli, in der viele exilierte iranische Homosexuelle leben. Mit den Porträtierten baute sie im Vorfeld behutsam Freundschaften auf. Doch anders als bei Hamedani erlebt man auf ihren Fotos das Dokumentarische höchstens noch als Randnotiz.

Rastis analog fotografierte Porträtfotoserie «Il n’y a pas d’homosexuels en Iran», derzeit zu sehen im Luzerner Kunstraum Sic!, verhüllt mehr, als dass sie zeigt. Die Gesichter der Paare und Einzelpersonen verbergen sich oftmals hinter Blumen, Luftballons oder Pflanzen. Obwohl es sich um Porträts handelt, werden hier keine Persönlichkeiten inszeniert, sondern Menschen auf der Suche nach einer neuen Identität.

Sterile Umgebung und der Wunsch nach Zugehörigkeit

Um die Undefiniertheit optisch zu verstärken, hat Rasti die gesichtslosen Ecken der türkischen Transitstadt Denizli mit ihren Pärken, Wohnblöcken und sterilen Flüchtlingsunterkünften als Folie genommen, vor der sich die Vergangenheit der Iraner in heiteren Farben in die unbetitelten Fotos schiebt. Orientalische Stoffe aus der Heimat verhüllen Teile von Körpern und stehen als Chiffre für den Wunsch nach Zugehörigkeit. Ballons in den Landesfarben des Irans verdecken innige Umarmungen, Porträts im Gras erinnern an den Park als anonymen Rückzugsort für Homosexuelle im Iran.

Rasti, die an der Ecole cantonale d’art de Lausanne studiert hat, erhielt für ihre international beachtete Fotoarbeit einen eidgenössischen Designpreis. Das Schicksal der Porträtierten wird sie weiterverfolgen.

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch


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