Die Anleitung zum Schlussmachen

LITERATUR ⋅ Der Zürcher Autor Thomas Meyer findet, dass sich vier von fünf Paaren trennen sollten. Sein neues Buch «Trennt Euch!» ist eine amüsante und provokative Gebrauchsanweisung.
14. Juli 2017, 04:40

Interview: Melissa Müller

Thomas Meyer, ist die Liebe ein Wegwerfartikel ?

Ich habe nie geschrieben: Wenn’s schwierig ist, lauf davon! Sondern: Wenn’s dir nicht gut tut, hör auf damit. Man harrt allgemein zu lange in unguten Verhältnissen aus, egal ob Job, Freundschaften oder Beziehungen. Und meint, es werde besser, nächste Woche. Das wird jedoch nie eintreffen.

Welche Reaktionen erhalten Sie auf Ihr Buch?

Der Verlag ist so nett, mir die bösen Briefe zu ersparen. Es ist interessant, dass meine These so viel Widerstand auslöst. Partnerschaft und Familie sind Heiligtümer, sie werden in einer Art kirchlichen Ergebenheit verteidigt. Viele glauben: Wenn es schwierig ist, muss ich das aushalten. Jetzt komme ich und sage: Es gibt einen positiven, gesunden Egoismus. Man muss ab einem gewissen Punkt auf sich selber schauen. Indem man eine schädliche Beziehung auflöst, nimmt man sich selber ernst.

Sind Sie denn schon einmal verlassen worden?

Oh ja, natürlich.

Dann ist Ihnen auch klar, dass eine Trennung einen zum Wrack machen kann. Oder sogar zum Mörder.

Natürlich, eine Trennung ist eine hässliche Angelegenheit für beide Seiten. Und wenn ich überzeugt bin, dass ich nicht liebenswert bin, und jemand mir sagt, «Ich liebe dich nicht mehr», dann sehe mich in meinen schlimmsten Ängsten bestätigt. In meinem Buch geht’s aber um nicht um den passiven, sondern um den aktiven Part, wie man jemanden verlässt.

Warum reicht Verliebtheit nicht aus, um eine Beziehung zu führen?

Weil man sich in alle möglichen Menschen verliebt. Aber das heisst nicht, dass diese zu einem passen. Der begehrte Mensch hat vielleicht eine ganz andere Geisteshaltung oder schwerwiegende persönliche Probleme. Liebesgefühle sind kein Beweis und auch kein Garant dafür, dass es passt.

Reden Sie aus eigener Erfahrung?

Ja. Ich hatte mehrere Begegnungen mit Frauen, die ich sehr geliebt habe, mit denen es aber grundlegende Differenzen gab. Es waren, wenn man so will, toxische Beziehungen.

Was ist Ihre Lehre daraus?

Es genügt nicht, dass man sich gegenseitig wahnsinnig scharf findet. Wenn Sie sich stark zu jemandem hingezogen fühlen, dann müssen Sie genau darauf achten, was das für ein Mensch ist. Wie ist er drauf, was hat er für Probleme? Wenn Sie sehen, das kommt nicht gut, dann sollen Sie auf Ihre Intuition vertrauen – und gehen.

Wenn man Schmetterlinge im Bauch hat, blendet man jedoch alles Negative aus.

Das ist ja eben das Problem. Nach ein paar Wochen und Nächten sollte man in Ruhe zusammensitzen und die Sache nüchtern betrachten: Was ist mir wichtig, mit welchem Kompromiss kann ich nicht leben?

Wie ist das bei Ihnen, wo machen Sie keine Kompromisse?

Der Umgangston muss anständig bleiben, auch wenn es schwierig ist. Es gibt Leute, die einen schnoddrigen Umgangston haben, herumschreien und vulgär werden. Das kann ich nicht akzeptieren. Wenn ich mich beleidigen lassen muss, geht es für mich nicht.

Sie haben sogar eine Rezeptliste mit Fragen erstellt, die man einem potenziellen Partner bei einem Rendez-vous stellen kann.

Die Idee stammt, wenn man so will, von den frommen Juden. Es gibt einen «Schiddech» – eine Heiratsvermittlung. Ein offizielles Date, wo man bespricht: Was erwartest du von dieser Beziehung? Da redet man nicht um den heissen Brei herum, macht keinen Smalltalk und es geht auch nicht ums Flirten. Es ist eine seriöse Angelegenheit, wo man erörtert: Passen wir zusammen? Ja oder Nein? Das braucht Mut. Ich finde das ein prima Konzept und habe meine Liste auch mit meiner neuen Freundin besprochen.

Auf dieser Liste steht etwa: Wie viel Freiraum brauche ich?

Eine extrem wichtige Frage. Ich zum Beispiel brauche sehr viel Freiraum. Ich habe keine Lust, meine Freundin von Freitagabend bis Montagmorgen zu sehen, das wird mir zu viel. Meine Freundin und ich treffen uns am Wochenende und gehen einmal die Woche mittags essen. Das ist für beide total befriedigend, weil wir einander zwischendurch vermissen können.

Ist man zu serieller Monogamie gezwungen, weil es sowieso fast nie passt?

Ja und nein. Man muss seine Erfahrungen machen, bis man weiss, mit wem man harmoniert. Ich bin jetzt 43 und habe endlich eine Freundin, die zu mir passt. Ich brauchte alle Erfahrungen vorher, um zu wissen: Das will ich nie mehr erleben!

Was wollen Sie nie mehr erleben?

Ich kann gut zuhören und analysieren. Und das zieht Leute an, die Probleme haben. Das allein ist noch kein Problem.

Sondern?

Ich machte früher immer wieder wieder Frauen zu meinen Partnerinnen, die eigentlich keinen Partner, sondern einen Therapeuten suchten. Ich bin jedoch kein Therapeut und ich will auch keiner sein.

Nach der Lektüre Ihres Buches denkt man: Es ist einfacher, die berühmte Nadel im Heuhaufen zu finden als einen passenden Partner.

Natürlich ist es ein grosses Glück, wenn man jemanden findet, der ähnlich tickt. Und dass beide auch noch aufeinander stehen. Aber meiner Meinung nach ist es besser, auf dieses Glück zu warten, als zu versuchen, einen nichtpassenden Partner zu einem passenden zu machen. Das klappt nämlich nie.

Wenn alle Ihren Anweisungen folgen würden, gäbe es noch mehr Singles.

Das wäre auch gar nicht so schlimm. Die meisten Beziehungen sollten sowieso gar nicht weiter bestehen. Single zu sein, ist zudem keine Strafe. Obschon es etwas spröde sein kann und man keinen Sex hat, kann man in dieser Phase viel über sich selber lernen und in seinem Leben aufräumen. Ein heilsamer Prozess. Das wird völlig unterschätzt.


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