Auch der Flügel ist hier ein Solist

BEETHOVEN-PROJEKT ⋅ Zweimal ausverkaufter KKL-Konzertsaal: Die Aufführung aller Klavierkonzerte von Beethoven durch das Luzerner Sinfonieorchester und den Pianisten Oliver Schnyder ist ebenso ein Kunst- wie ein Publikumsereignis.
17. Juni 2017, 10:35

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Je höher die Ansprüche sind, desto grösser ist das Risiko des Scheiterns. Auch deshalb kommt dem Beethoven-Projekt des Luzerner Sinfonieorchesters, das in dieser Woche mit der Aufführung aller Klavierkonzerte vom Mittwoch bis Sonntag abgeschlossen wird, besonderes Gewicht zu.

Als das Orchester vor zehn Jahren regelmässig CD-Aufnahmen vorzulegen begann, trauten die Labels ihm bloss Nischenproduktionen zu. Dass Sony jetzt Beethovens Klavierkonzerte den Luzernern anvertraut, ist so prestigeträchtig wie riskant.

Prominenter dritter Akteur

Auch der Pianist Oliver Schnyder hatte sich im Gespräch mit unserer Zeitung gefragt, ob sie zu diesen viel gespielten Konzerten etwas Persönliches zu sagen hätten. Intensiv haben sich das Orchester und der Pianist darauf vorbereitet. Schon die Kammermusik­versionen aller Konzerte (auf dem Pilatus) dienten der Suche nach einer «gemeinsamen Sprache für Beethoven».

Diese haben sie, in den Konzerten vom Mittwoch und Donnerstag, in frappanter Weise gefunden. Frappant, ja zunächst irritierend, war dabei, dass ein nicht genannter dritter Akteur prominent mit im Spiel war. Im Klavierkonzert Nr. 1 am Mittwoch hatte man sich über den Klavierklang gewundert. Dieser verfügt im Diskant nicht über die Brillanz eines Steinway, dafür aber über eine Klarheit und über charakteristische Registerfarben – bis hinunter zu den Bässen, die nicht machtvoll donnern, aber sich wie in einem Resonanzraum ausbreiten. Tatsächlich spielt Schnyder auf einem «historischen» Flügel: dem Bechstein von 1921, auf dem Andras Schiff Beethovens Dia­belli-Variationen eingespielt hat.

Vor allem aber lösten der Schweizer Pianist und das Orchester unter James Gaffigan aufregend den Ansatz ein, den dieser Flügel nahelegt: Weg von der One-Man-Show für einen solistischen Virtuosen mit Orchester, hin zum sinfonischen Miteinander, an dem sich Individuum und Kollektiv «gleichermassen beteiligen». So beschrieb Schnyder im Gespräch die Entwicklung, die Beethoven in seinen Klavierkonzerten vollzog. Die Klavierkonzerte Nr. 1 und 4 (am Mittwoch) sowie Nr. 3 (am Donnerstag) zeigten, dass mit dem Bechstein-Flügel der Akzent auf dem Mit­einander liegt.

Unterwegs in die Innerlichkeit

Dass das Orchester dafür beste Voraussetzung mitbringt, bestätigen Beethovens Ouvertüren, die kombiniert mit den Solokonzerten auf dem Programm stehen. Das durchsichtige Klangbild ermöglichte dank pointierter Artikulation dramatische Power und Schärfe («Coriolan», «Leonore III»). Der federnde Gestus und atmende Phrasierungen sind von der historischen Aufführungspraxis auch zu einer feinnervigen Sensibilität inspiriert.

Beides sorgte im Klavierkonzert Nr. 1 für eine dramatische Spannung zwischen weicher Modellierung und hartkantigem Auftrumpfen, hinter dem der Bechstein punkto Brillanz doch etwas zurückblieb. Wie hier in poetischen Einschüben der Flügel auch mal mit einem Streicherklang ganz ohne Vibrato verschmolz, wies freilich bereits auf die jenseitige Innerlichkeit der späteren Konzerte hin.

In diesen verwob sich Schnyder mit dem Orchester, ohne die solistische Spannung aufzugeben. Am Donnerstag reizte er im Dritten – wie schon auf dem Pilatus – die Solistenrolle markant aus, indem er seinen ersten Auftritt energisch über die Tastatur fegte. Um später umgekehrt die wunderbar singenden Holzbläser mit weit ausgreifenden Akkordfächerungen diskret zu begleiten.

Welten hinter dem Pedalschleier

Da zeigten sich ausgeprägt die Vorzüge des Instruments: Im Mittelsatz liess Schnyder, der mit sparsamem Pedalgebrauch einen kernigen Klang favorisierte, die Harmonien zauberhaft irrlichtern, indem er sie nach Beethovens Pedalvorschriften verschleierte. Umgekehrt nutzte er die Klarheit des Flügels im Finale für zugespitzte Akzente, die so musikantisch leicht waren wie das federnde Spiel des Orchesters.

Auch wo sich Schnyder nicht in den Vordergrund spielte, blieb der Flügel präsent durch die Deutlichkeit dieses Spiels – und seine Farbigkeit. Im vierten Klavierkonzert lagen Welten zwischen dem höhlenartig raunenden Klang der Eröffnungsakkorde oder dem Glöckelton, mit dem sich Schnyder später ins Orchester mischte und mit dem er Trillerketten schillernd ins Nichts auslaufen liess.

Das Schlusskonzert stellt zwar mit dem fünften Klavierkonzert nochmals andere Ansprüche. Aber jetzt schon steht fest, dass dieses Beethoven-Projekt ein Meilenstein darstellt: Noch nie löste das Orchester den Anspruch, historisch informiertes Musizieren auf ein modernes Orchester zu übertragen, so spannend ein wie mit diesem Pianisten.

Hinweis

Beethoven-Projekt 3: Sonntag, 18.30, Konzertsaal KKL Luzern (Klavierkonzerte Nr. 2 und 5).

VV: Tel. 041 226 05 05


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