Aus der Kriegshölle auf die Baustelle

KINO ⋅ Der im Exil lebende Syrer Ziad Kalthoum schafft in «Taste of Cement» Unmögliches: Der dialoglose Film über eine Grossbaustelle in Beirut vereinigt visuelle Poesie und Zeugnisse des Kriegshorrors.
12. Januar 2018, 07:50

Am Anfang gleitet die Kamera während einer Minute ganz sachte und langsam über die unterschiedlichen grauen, beigen oder ockerfarbenen Strukturen einer Wand. Diese erweist sich schliesslich als Steinbruch, aus dem die rhythmischen Geräusche von Presslufthämmern zu hören sind – bevor das Bild sich langsam öffnet. Die Kamera geht nach oben, ein gleissend helles Panorama auf die libanesische Hauptstadt mit ihren Hochhäusern und dem Meer im Hintergrund schafft sich jetzt Platz.

So stimmt «Taste of Cement» ein auf eine filmische Erfahrung, in der weder Worte noch schnelle Schnitte, sondern genaues Hinsehen und ein ständiger Wechsel zwischen Nähe und Distanz, oben und unten, im Zentrum stehen. Dabei ist der Film alles andere als eine visuelle Spielerei, sondern ein essayistischer Dokumentarfilm, der in kluger Dramaturgie durchaus eine Geschichte erzählt: Syrische Bauarbeiter, als Flüchtlinge im Libanon lebend, ziehen auf einer Grossbaustelle nahe am Meer einen Wolkenkratzer hoch.

Im Keller notdürftig eingerichtet

Sie leben auf der Baustelle, denn wegen einer nächtlichen Ausgangssperre für syrische Flüchtlinge dürfen sie den Arbeitsplatz nicht verlassen. Sie haben sich ­ in den Kellerräumlichkeiten ­notdürftig eingerichtet, gehen abends hier hinunter zum Schlafen, Essen und schauen sich auf ihren Handys die Fernsehnachrichten aus ihrer Heimat an und hoffen auf Nachrichten von ihren Angehörigen. Die Arbeiter sind Gefangene in einem Land, wo sie etwas aufbauen, während ihre Heimat in Krieg und Zerstörung versinkt.

«Das, was in Syrien passiert, muss man den Menschen wohl nicht mehr eigens erklären», begründet Ziad Kalthoum im Gespräch die Entscheidung, im Film keine Dialoge, sondern nur die mit sparsam eingesetztem Voice­over erzählte Geschichte eines namenlosen Arbeiters stattfinden zu lassen. Es gebe so viele ­geschwätzige Dokumentarfilme, die entweder mit einem Übermass an Talking Heads oder einem hektischen Verfolgen ihrer Protagonisten dem Publikum möglichst viel Lebensnähe vorzugaukeln versuchen.

Bilder, die keiner Erklärung bedürfen

Dabei bleibe aber meistens auf der Strecke, was Kino hauptsächlich ausmacht: das Erzählen mit Bildern, die für sich selber sprechen und gar keiner weiteren Erklärung bedürfen. Und genau das leistet «Taste of Cement» mit einer unglaublichen Verdichtung, ja führt geradezu exemplarisch vor, dass Kino beim Erzählen in Bildern letztlich nichts anderes ist als gestaltetes Spiel mit Licht und Schatten.

«Das ist ein Film über den Untergrund und den Himmel, das Dach», bringt Ziad Kalthoum «Taste of Cement» auf die kürzest mögliche Formel. Und natürlich muss man hinzufügen, dass es ebenso ein Film ist über bedrängende innere Bilder, deren Schrecken über das äusserlich Sichtbare hinausgeht.

Dabei schafft Kalthoum zusammen mit seinem Kameramann Talal Koury es mittels Gegenüberstellung von äusseren und inneren Bildern, die vor den Augen der Arbeiter vorüberzuziehen scheinen, einen Raum zu kreieren, der die ständige Präsenz des Krieges fühlbar macht. Das ist ein Film, dem man abnimmt, was im Abspann steht: «Gewidmet allen Arbeitern im Exil».

Geri Krebs

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Ziad Kalthoum ist heute Fr., 12.1., um 20 Uhr in Luzern im Stattkino und stellt «Taste of Cement» persönlich vor.


Anzeige: