Ausbruch aus dem Bünzlitum entlarvt eigene Leere

KINO ⋅ Die Tragikomödie «Lasst die Alten sterben» dokumentiert den Versuch einer Gruppe Jugendlicher, mit der virtuellen Welt und den Oberflächlichkeiten der modernen Gesellschaft zu brechen. Dies tun sie, indem sie Streit suchen.
13. Oktober 2017, 07:47

Kevin hat seine «Helferlein», die Tabletten zur Dämpfung seiner Aggressionen, eigenmächtig abgesetzt. Nach elf Jahren Mattscheibe im Kopf, einem ständigen Gefühl, durch Watte zu gehen, fühlt sich der junge Mann (gespielt von «Verdingbub» Max Hubacher) wie neugeboren. Er sieht wieder klar, spürt sich und seine Lebenslust. Genussvoll zieht er eines Tages die frische Luft durch die Nase – und die riecht nach Veränderung.

In dem schicken Einfamilienhaus am Berner Stadtrand, in dem Kevin mit Mutter und Vater lebt, ist schon lange nichts mehr so, wie es sein sollte. Die Mutter (Regula Imboden) ist frustriert und gelangweilt. Der Vater und ehemalige Vollblut-Revoluzzer (Christoph Gaugler) fährt die exakt gleiche Schiene. Politischer Aktivismus, Auflehnung gegen den Kapitalismus, Lederjacke und Piercings sind nur noch Teil seiner blassen Erinnerung an die Achtzigerjahre. Heute geht er jeden Tag in Anzug und mit flottem Auto zur Arbeit.

In Kombination sind die Eltern geradezu unerträglich. Sie streiten permanent, und wenn nicht, dann schweigen sie sich an. Ihr Sohn versteht die Welt nicht mehr, als sie ihm offenbaren, auf Anraten des Therapeuten mehr Zeit zusammen zu verbringen.

Zerstörungswut ohne elterlichen Widerstand

Was Kevin tut und will, wird in seinem Zuhause zur Kenntnis genommen, ohne dass es jemanden ernsthaft interessiert. Selbst als er, der in seiner neuen alten Aggressionslust richtiggehend aufgeht, aus Wut auf die verlogene Biederkeit Vasen, Kerzenständer und Flachbildfernseher zertrümmert, schauen die Eltern tatenlos zu. Am nächsten Tag ist der Bildschirm ersetzt, die Wohnung aufgeräumt und für Kevin ein für allemal klar, dass er diese Bünzliwelt hinter sich lassen muss. Ein imaginärer Punk aus den Achtzigern (Dimitri Stapfer) setzt Kevin eines Abends den Floh ins Ohr, sich aufzulehnen. Gegen irgendetwas zu sein. Krawall zu machen, bis die Stadt brennt, so wie es einst sein Vater getan hat. Mit Kumpel Manuel (Julian Koechlin) gründet Kevin in einem unbewohnten Haus eine Kommune. Handy, soziale Medien, Spiessigkeit sind da verboten.

So weit, so gut. Ein Haus ist besetzt, Wände zertrümmert und besprayt, Bier eingekauft, und die zusammengewürfelte Wohngemeinschaft sieht nach einem Umstyling in der Brockenstube wie Punks aus. Stellt sich also nur noch die Frage, gegen was sich die verkleideten Wohlstands­kinder nun auflehnen sollen.

Ein Paradox der heutigen Zeit

Auf die Idee, gegen die Alten zu protestieren, bringt sie schliesslich Kevins Vater – mangels politischer Anliegen der Jungmannschaft. Er, der inzwischen auch in der Kommune lebt, hat als Einziger eine Ahnung davon, was es heisst, mit Kreativität, Provokation und Unbeugsamkeit für eine Sache einzustehen. Er übernimmt den Lead und übergeht damit den bisherigen «Chef», seinen Sohn, erneut. Anstatt ihn für voll zu nehmen, will er höchstens mit ihm kiffen.

«Lasst die Alten sterben» ist ein trauriger Film. Das wird einem allerdings erst im Nachhinein so richtig klar. Juri Steinhart führt dem Publikum auf äusserst witzige und unterhaltsame Weise ein spannendes Paradox der Gegenwart vor Augen. Nämlich jenes von der verzweifelten Bemühung junger Leute, aus Langeweile und Spiessertum auszubrechen, wobei sie stattdessen die eigene Inhaltslosigkeit entlarven.

Miriam Lenz (SDA)

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Der Film läuft im Bourbaki, Luzern.

Video: Lasst die Alten Sterben

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