«Zwischen den Welten daheim»: Auszeit bringt neue Impulse

WERK ⋅ In seinem neuen Buch «Zwischen den Welten daheim» zeigt der Jesuit Niklaus Brantschen (80) rückblickend seinen spirituellen Weg auf und regt zu mehr Achtsamkeit an.
13. Oktober 2017, 07:47

Monika Wegmann

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Einen Moment lang wird Niklaus Brantschen ernst, als er hört, dass das neue Buch «Zwischen den Welten daheim» wie ein Abschiedswerk wirke: «Das berührt mich. Es ist ein Abschied vom bisherigen Leben, aber nicht vom Leben schlechthin.» Sein Alltag sei bisher gefüllt gewesen mit Aufgaben, Funktionen und Tätigkeiten. Mit 80 Jahren habe er dank der im Buch beschriebenen Auszeit, in der er sich auch auf die Spuren des Ordensgründers Ignatius von Loyola (1491–1556) begeben hat, sein Leben neu ordnen können.

Nun beginne eine neue Phase, von der er sich mehr Musse, Gelassenheit, mehr Sein als Haben verspricht. Niklaus Brantschen SJ machte das Lassalle-Haus Bad Schönbrunn als Meditations- und Bildungszentrum für interreligiöse Begegnungen bekannt. Der ehemalige Direktor sagt: «Mein Wirken wird künftig nicht geruhsamer, aber ruhiger. Während 40 Jahren war ich auch Kursleiter, das bleibe ich weiterhin – und ich will mir für die Begegnung mit Menschen mehr Zeit nehmen.»

Ausdauer braucht es im Leben

In seinem 13. Buch schreibt Niklaus Brantschen darüber, wie er zum Brückenbauer zwischen Christentum und Zen wurde. Es beginnt mit erheiternden Jugenderinnerungen, die verdeutlichen, was den Walliser geprägt hat: die Berge und die Kirche. Zwischen den Bergen sei er aufgewachsen: «Zu ihnen zieht es mich immer wieder zurück. Die Ausdauer, die man beim Bergsteigen braucht, kommt mir im Leben allgemein, aber auch in meiner Zen-Praxis zugute.» Und er vergleicht intensive Zen-Übungswochen mit Hochgebirgstouren. Hier wie dort brauche es Ausdauer.

Damals sei die Kirche nicht nur im Dorf gewesen. Brantschen: «Sie war das Dorf.» Ein Sonntag sah in seiner Jugend etwa so aus: Ab sechs Uhr gab es Kommunionfeiern, um neun das «Amt» mit Predigt, um zwölf Religionsunterricht, um dreizehn Uhr die Vesper und am Abend die Andacht. Kirche, Schule und Vaterhaus hätten früher oft Moralin ausgeschüttet und eher Angst als Mut verbreitet. «Trotzdem, schon damals habe ich in der Kirche die Rituale und Feste geschätzt», sagt er. Und da sein Dorf als «Priesterschmiede» bekannt war, kam sein Entscheid, nicht ins Kloster, sondern in den Jesuitenorden einzutreten, kaum überraschend. Auf dem spirituellen Weg erhielt Niklaus Brantschen Impulse von ­bekannten religiösen Persönlichkeiten: Bei Karlheinz Graf Dürckheim besuchte er Meditationskurse und war als Assistent bei Klemens Tilmans.

Durch die Begegnung mit Pater Hugo Makibi Enomiya Lassalle (1898–1990), der ab 1929 in Japan wirkte und sich für die Verbindung von Christentum und Zen engagierte, lernte Brantschen die reiche Tradition des Buddhismus kennen. Auf dem Weg der Erfahrung könne man vom anderen lernen und sich austauschen, um die eigenen spirituellen Wurzeln neu zu entdecken. «Dies ist möglich, ohne die christlichen Wurzeln abzuschneiden. Ich war damals kein frustrierter Christ, habe aber gemerkt, dass die Welt zusammenwächst und sich die Kulturen begegnen.»

Würdigung von Hugo Enomiya Lassalle

Niklaus Brantschen positionierte 1993 das jesuitische Bildungshaus Bad Schönbrunn neu als Zentrum für Spiritualität und soziales Bewusstsein und gab ihm den Namen Lassalle-Haus. Damit würdigte er den berühmten Mitbruder, der in Hiroshima die Atombombe überlebte und 1954 dort die Weltfriedenskirche baute. Seit der Neupositionierung haben Zen-Kurse in Schönbrunn einen festen Platz: 1999 wird Niklaus Brantschen zusammen mit der Ordensfrau Pia Gyger, mit der er das Lassalle-Institut gründete, zum Zen-Meister ernannt.

Auf die Frage, worin das Verbindende der ignatianischen Spiritualität mit dem Zen liege, antwortet er: «Ignatius lehrt uns, den Blick aufs Alltägliche zu richten und Gott in allen Dingen zu suchen. Im Zen wird alles und jedes ernst genommen. In allem, was ist, was wir tun, ist ‹es›.» Die Akzeptanz gegenüber dem Zen sei innerhalb des Ordens gewachsen. «Wir sind relativ wenige, die Zen aktiv betreiben, darum muss man immer wieder informieren und erklären.» Niklaus Brantschen ist überzeugt, dass die mystische Dimension des Zen – mit der Kultur der Stille – auch in der Tradition der christlichen Mystiker zu finden ist.

Wichtig ist für Niklaus Brantschen das Grundanliegen des Ignatius bei allen Aktivitäten: «Das Innen mit dem Aussen zu verbinden, Aktion und Kontemplation – Himmel und Erde.» Derzeit lerne er bewusst, das Haus – «mein Baby» – loszulassen und die Sorge abzugeben. «Ich habe gute Hoffnung, dass es weitergeht und Zen im Original – neben den anderen spirituellen Wegen wie Exerzitien, Kontemplation und neu Yoga – erhalten bleibt.» Und mit Schmunzeln sagt Niklaus Brantschen, weiterhin Superior der Schönbrunner und Luzerner Jesuiten: «Jetzt erhalte ich Narrenfreiheit. Ich bin gespannt, was noch kommt, und verspüre grosse Dankbarkeit über mein vielseitiges und reiches Leben.»

Hinweis

Das Buch von Niklaus Brantschen, «Zwischen den Welten daheim», Patmos-Verlag, wird am Sonntag, 15. Oktober, 15 Uhr, im Lassalle-Haus in Edlibach vorgestellt: ISBN 978-3-8436-0965-4.

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