Comic-Festival Fumetto startet diesen Samstag auch im Bunker

LUZERN ⋅ Am Samstag startet die 27. Ausgabe des internationalen Comic-Festivals Fumetto. Co-Festivalleiterin Geesa Tuch in der Zivilschutzanlage Sonnenberg über Bedrohungsfantasien und Krisengebiete.
12. April 2018, 08:06

Interview: Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Geesa Tuch, wir stehen hier in der Zivilschutzanlage Sonnenberg. In diesem Bunker sollten zu Zeiten des Kalten Krieges 20000 Menschen Unterschlupf finden. Wie denken internationale Comic-Künstler über diesen Ort, an dem sie dieses Jahr ausstellen dürfen? Auf Künstler aus Krisengebieten wie dem Irak muss das seltsam wirken ...

Die meisten sind noch nicht angereist. Aber es werden einige Künstler kommen, die selbst Kriegserfahrungen gemacht haben, etwa Hamid Sulaiman aus Syrien. Das irakische Künstlerkollektiv Mesaha hat trotz unserer Bemühungen bis zum jetzigen Zeitpunkt kein Visum erhalten.

Wie die Zeitung «Le temps» schreibt, haben Sie gegen die Ablehnung des Visa-Antrags Einsprache eingereicht. Das Bundesamt für Kultur und die Pro Helvetia haben das Schreiben unterstützt. Könnte da noch etwas Bewegung in die Sache kommen?

Ich habe keine Ahnung. Uns wurde nur mitgeteilt, dass die Frist für die Bearbeitung länger sei, als das Festival andauere. Aber die vier wären natürlich auch am letzten Festivaltag noch willkommen.

Die Kunst jedenfalls ist angekommen! Und sie erzählt in «Shelter» von Menschen in Krisensituationen ...

... sogar unsere Helfer standen für diese Ausstellung einer Ausnahmesituation gegenüber. Sie mussten für die Führungen durch den Untergrund eine spezielle Ausbildung absolvieren. Die Bedrohungsfantasien, die dieser Bunker evoziert, werden bestimmt viele Künstler überraschen, da man unser Land allgemein als neutral und sicher wahrnimmt. Bedrohung kann auch zur Fiktion werden, doch die Bedrohungen, von denen die Künstler hier erzählen, sind sehr real. Der Ausstellungsort ist ungemütlich, und auf einer Reflexionsebene soll es für unseren Besucher auch etwas ungemütlich werden.

Die Arbeiten von Künstlern aus dem Irak, aus Ägypten und Syrien sind schwarz-weiss. Warum?

Wie mir die irakischen Künstler erklärt haben, sind die Töne grau, schwarz und weiss geradezu charakteristisch für irakische Städte. Für den Künstler Hussein Adil transportieren sie viel von der Stimmung, die in Bagdad derzeit vorherrscht.

Schon lange wurde dem gesprochenen Wort nicht mehr so misstraut wie heute. Ist die neunte Kunst mehr der Wahrheit verpflichtet als die News in der Zeitung?

Comics sind oft mehrdeutiger und sie verzichten darauf, die Wahrheit für sich in Anspruch zu nehmen. Statt Objektivität zu behaupten, legen sie ihre Machart offen. Die in der Zivilschutzanlage zwischen den Lüftungsrohren gehängten Panels der Fotoreportage «Der Riss» des spanischen Journalistenduos Guillermo Abril und Carlos Spottorno verbergen nicht, dass sie nachträglich koloriert und mit Sprechblasen ergänzt worden sind. Die beiden haben die Aussenränder Europas besucht und sich die absurden Grenzbefestigungen in Spaniens Enklave Melilla angeschaut. Derart «geschönt» regen diese Fotografien den Betrachter zum Nachdenken an.

Darf Realität auch in die Fiktion abgleiten?

Unbedingt! Beim ebenfalls im Sonnenberg präsentierten Italiener Zerocalcare zeichnet die Fantasie immer mit. Auf seinen Reisen durchs türkisch-syrisch-irakische Grenzgebiet tritt er in Dialog mit einem imaginierten Gürteltier und beschwert sich über das lokale Frühstück. Manche Menschen finden das albern und unangemessen, andere wiederum entwaffnend. Der Leser wird für das Leben und die Probleme in dieser Region empfänglicher, als wenn ihm von vornherein ernste Betroffenheit vorgeschrieben würde.

Das Fumetto bricht dieses Jahr mit der Tradition, einen Stargast zu präsentieren. Warum?

Wir setzen mehr auf thematische Gruppenausstellungen und haben uns ein wenig an unsere Besucher angepasst. Die lassen sich auf ihrem Festivalrundgang kaum von unseren Star-Empfehlungen leiten. Wir finden, dass es jeder unserer Künstler gleichermassen verdient hat, als Star wahrgenommen zu werden.

Hinweis

«Shelter». Zivilschutzanlage Sonnenberg. Ab 14. 4., 10 bis 20 Uhr. Einlass am Wochenende zur halben Stunde, wochentags zur ganzen Stunde. Anreise ab Bahnhof: Bus Nummer 10 bis Bergli- strasse. Fürs Festival verlosen wir 10x 2 Festivalpässe. Wählen Sie bis heute 13 Uhr Tel. 0901 83 30 21 (Fr. 1.50.-/Anruf), oder nehmen Sie teil über www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe


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