Berner Autorin Verena Stefan ist tot

TODESFALL ⋅ Die Schweizer Autorin Verena Stefan ist am Mittwoch im Alter von 70 Jahren in ihrer Wahlheimat Montreal gestorben. Das teilte ihr Verlag Nagel & Kimche am Freitag mit. Die gebürtige Bernerin verfasste 1975 mit "Häutungen" ein Kultbuch der Neuen Frauenbewegung.
01. Dezember 2017, 10:30

Bereits seit Mitte der 2000er Jahre war bekannt, dass die Autorin an Krebs litt. Den Umgang mit der Krankheit verarbeitete sie in ihrem Roman "Fremdschläfer" (2007), der von einer Frau handelt, die nach ihrer Übersiedlung nach Kanada einen Tumor entdeckt, einen Fremdschläfer. Für das sprachlich virtuose Werk erhielt sie 2008 den Schillerpreis sowie das Stipendium "Weiterschreiben" der Stadt Bern.

Zuletzt erschien 2014 im Verlag Nagel & Kimche Stefans Roman "Die Befragung der Zeit", in dem sie die Geschichte ihrer Familie und somit ihre eigene aufrollte. Stefans Grossvater Julius Brunner war ein Landarzt, der in den 1940er Jahren Frauen illegal zu Abtreibungen verhalf und dadurch in die Mühlen der Berner Justiz geriet.

Feministischer Klassiker

Die Autorin, Tochter eines Deutschen und einer Schweizerin, kam 1947 in Bern zur Welt und wuchs bei ihren Grosseltern - eben jenem Grossvater - auf. Nach der Matura zog sie nach Berlin, wo sie zu den Gründerinnen der feministischen Gruppe "Brot und Rosen" gehörte. Das 1975 veröffentlichte Werk "Häutungen" erlangte Kultstatus innerhalb der Frauenbewegung.

Der Roman, der autobiografische Züge enthält, wird gerne auch als "Bibel der Frauenbewegung" bezeichnet und ist der erste deutschsprachige literarische Text einer Feministin der 70er Jahre. Die Autorin analysiert darin heterosexuelle Herrschaftsverhältnisse und beschreibt die Entdeckung der eigenen Sexualität. Auch für "Häutungen", der in acht Sprachen übersetzt worden war, wurde Stefan mehrfach ausgezeichnet.

Nach 30 Jahren in Deutschland wanderte Stefan um 2000 nach Montreal aus. Der Nachlass der Autorin befindet sich seit 2007 in Besitz des Schweizerischen Literaturarchivs der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern. (sda)

Anzeige: