Nick Cave: Beseelter Erlöser

KONZERT ⋅ Nick Cave & The Bad Seeds spielten im Hallenstadion in Zürich ein grossartiges Konzert. Schmerz und Wucht sind eine tragisch-geniale Mischung.
14. November 2017, 07:48

Michael Graber

«Nothing really matters, when the one you love is gone», singt Nick Cave. Seine Stimme stockt, und man kann den Schmerz bis in die hinterste Reihe spüren. Cave singt «I Need You» nicht für uns. Er singt es für Arthur. Seinen Sohn, der 2015 im Drogenrausch von einer Klippe zu Tode stürzte. Was Cave im Hallenstadion macht, ist kollektive Trauerarbeit. Er spielt praktisch alle Songs der letzten Platte «Skeleton Tree», die in der Zeit des traurigen Ereignisses entstanden ist. Er leidet. Mit sich. Für uns. Vor «I Need You» spielt er das tragisch-tolle «Girl in Amber», und trotz etwas zu brummigem Synthie findet es seinen Weg direkt in die Seelen der Zuhörer. Schöner war Leiden selten. Es sind wunderschöne Songs und trotzdem wünscht man Nick Cave, dass er sie nie hätte schreiben müssen.

Alles an diesem Sonntagabend hat Kraft. Wenn Cave und seine Bad Seeds ruhig werden oder wenn die Band unter der Leitung von Warren Ellis die Lautstärke an die Schmerzgrenze schiebt. Es bleibt dabei stets präzis, und selbst in einzelnen Schlägen liegt oft eine gigantische Wucht. «From Her to Eternity» ufert in ein regelrechtes Krachfeuerwerk aus, aber kein Ton verfehlt seine Wirkung. Während Cave den Besessenen gibt und sich dabei auch mal in Rage schreit, zupft und zirpt Warren Ellis an seiner Geige rum und sieht dabei aus wie der Beelzebub höchstpersönlich. Dazu wummert und wuchert der Rest der sechsköpfigen Band. Die Effekte und die Show werden minimal gehalten. Die Musik reicht komplett aus: Jedes Lied ist ein kleiner Dramatiksteigerungslauf.

Stets an der Grenze zwischen Pathos und Kitsch

Die grosse Kunst bei so viel Pathos, wie ihn Cave verschüttet, ist, nicht kitschig zu werden. Und es klappt. Nur als bei «Distant Sky» Sängerin Elsa Torp überlebensgross per Videoeinspieler aufscheint, steht der Auftritt auf einem sehr schmalen Grat. Doch dann folgt ein grossartiges «Skeleton Tree». «Nothing Is for Free», singt der 60-Jährige darin immer wieder, um am Schluss dann in ein «And It’s Allright Now» zu münden. Erst mit Cave, dann nur noch die Bad Seeds auf der Bühne. Das ist schlicht und ergreifend ergreifend. Schon zuvor hat Nick Cave, dieser angeblich so unnahbare Mensch, immer wieder den Kontakt mit dem Publikum gesucht. Er schüttelt Hände, lässt sich ans Herz fassen und tanzt von einer Bühnenseite zur anderen. Im Zugabenblock singt er inmitten des Publikums auf einem Podest den «Weeping Song», um danach eine Hundertschaft seiner Jünger auf die Bühne zu holen.

Cave, längst vom besessenen Dämon zum beseelten Erlöser verwandelt, nimmt die Leute an den Händen und wirkt wie ein Hohepriester, als der er immer wieder beschrieben wird. Aus dem eigentlich völlig schmucklosen Hallenstadion ist ein Ort voller Würde und Wärme geworden. «Some people say it’s just rock ’n’ roll. But it gets you right down to your soul», singt Cave im letzten Stück selber. Besser kann man es nicht sagen. Besser kann ein Konzert kaum sein.


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