Bilder zum Fühlen und Riechen

KINDERBUCH ⋅ Der fast blinde Maulwurf Max soll die Erfolgsgeschichte des stinkenden Geissbocks Charly ­weiterschreiben. Entstanden ist das erste Schweizer Bilderbuch für sehende und blinde Kinder.
16. April 2018, 04:38

Katja Fischer De Santi

Dass dieses Buch kein gewöhnliches Kinderbuch ist, spürt man auf den ersten Griff. Es ist in tiefrotem Samt eingeschlagen, die Titelschrift ist golden geprägt – fast zu schade für Kinderhände. Genau richtig fasst es sich aber für die Hände von sehbehinderten oder blinden Kindern an.

Denn dieses Buch riecht nicht nur nach Erdbeeren, Zwiebeln oder Rauch, wie es die fünf Vorgänger-Duftbücher von Roger Rhyner und Patrick Mettler getan haben, dieses Buch kann man auch erfühlen. Etwa die feinen Noppen eines Basketballes, die sandigen Spuren eines Hasen, die feinen Federn der Hühner oder die verschlungenen Gänge von Maulwurf Max. Während der «stinkende Geissbock Charly» die Kinder seit 2009 auf seine duftenden Reisen durch Rosenbeete, Erdbeerfelder und Bananenplantagen mitnahm, ist es nun Max, der sehende und blinde Kinder auf seine Abenteuer mitnimmt.

Ein Buch, das beide Welten verbindet

«Es gibt unzählige Bilderbücher für sehende Kinder, und es gibt Bücher für blinde Kinder, wir wollten ein Bilderbuch für Sehende und Blinde machen, eines, das alle Sinne anspricht und das gegenseitige Verständnis fördert», erklärt Autor Roger Rhyner. Das aufwendige Druckverfahren, das Bilder zum Duften oder eben auch zum Stinken bringt, haben sie in den letzten Jahren perfektioniert. Und auch ausgereizt, etwa im letzten Band, als Geissbock Charly das Glarner Wildschutzgebiet Freiberg Kärpf promoten musste. Neu ist nun, dass es beim «Maulwurf Max»auf jeder zweiten Seite auch etwas zum Erfühlen gibt. Viel wichtiger ist aber, dass die ganze Geschichte zusätzlich in Blindenschrift gedruckt ist, inklusive Alphabet auf der ersten Seite für Sehende.

Der Anstoss und die Idee zum Inklusion-Projekt kamen vom Schweizerischen Blindenbund. Der Verein beteiligt sich auch ­finanziell massgeblich am Buch. «Die Herstellungskosten betragen mehr als das Zehnfache eines normalen Kinderbuches» sagt Rhyner. Allein hätten sie dieses Risiko nicht tragen können. Die Auflage ist zumindest vorerst auf 7000 Stück limitiert.

Geissbock Charly ist eine Schweizer Erfolgsstory

Ungewohnte und riskante Wege zu gehen ist der Glarner Autor Roger Rhyner gewohnt. Grosse Buchverlage rümpften nur die Nase, als der Radiomoderator ­ihnen vor zehn Jahren die Idee seines Duftbuches für Kinder präsentierte. Zu teuer, nicht machbar, hiess es. Rhyner gab nicht auf. Fand mit Patrick Mettler einen Illustrator, der seine Geschichten bildlich umsetzte, und einen kleinen Glarner Verlag, der das aufwendige Verfahren mit Micro-Duftkapseln nicht scheute. Mittlerweile sind die «Geissbock Charly»-Bücher Schweizer Kinderbuchklassiker mit mehr als 100000 verkauften Exem­plaren. Gute Startvoraussetzungen für «Maulwurf Max», dem es dank feiner Nase und Brailleschrift-Kenntnissen nicht nur gelingt, die Hühner aus dem brennenden Stall zu befreien, er ist in der ersten Woche nach Erscheinen auch schon auf Platz zwei der Hitliste der Schweizer Kinderbuch-Verkäufe geklettert.

Hinweis

Roger Rhyner, Patrick Mettler: Maulwurf Max. Wörterseh, 29 S., Fr. 43.–


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