Blinde wird zur Seherin

KINO ⋅ Einer Frau gehen die Augen auf: Die erblindete Gina kann im Film «All I See Is You» dank einer Operation wieder sehen und entdeckt die Welt neu. Der Schweizer Regisseur Marc Forster hat dieses Psychodrama inszeniert.
06. Dezember 2017, 04:39

Rolf Breiner

Sie sind allem Anschein nach ein glückliches Paar: Gina (Blake Lively) und James (Jason Clarke) leben in Bangkok. Er kümmert sich liebevoll und fürsorglich um ­seine erblindete Frau. Sie hat ihr Augenlicht bereits als Kind bei einem Autounfall verloren, nimmt Schatten wahr und hat sich leidlich in ihrer Schemenwelt eingelebt. Aber es gibt ein Hoffnungslicht: Eine Operation könnte ihr die Sehkraft zurückgeben. Sie wagt den Schritt. Da geht Gina nicht nur ein Licht auf, sondern sie nimmt die Welt mit «anderen Augen» wahr. Diese neue Realität und Wahrnehmung verändern ihr Weltbild.

Eine ungewöhnliche Konstellation und eine visuelle Herausforderung. Wie stellt man eine Welt dar, die von der Hauptfigur Gina nur schemenhaft wahrgenommen wird? Marc Forster hat sich intensiv mit der Schattenwelt blinder Menschen auseinander- gesetzt, hat mit Betroffenen gesprochen, eine Farbpalette und ein Schattenszenarium zusammen mit Kameramann Matthias Königswieser entworfen.

Der Film wirkt teilweise wie ein Experiment. Das ist dem ­Filmer bewusst. «Das wird nicht ­allen gefallen», mutmasst der Filmer. «Man müsste den Film vielleicht zweimal sehen, weil man sich vom Visuellen her an den Stil gewöhnen muss.»

Spannende Metapher: Liebe macht blind

Was reizte den Filmer Forster an dieser Konstellation? «Ich habe bei der Recherche einige Leute getroffen, denen das passiert ist. Es ist jedenfalls eine spannende Metapher. Es gibt ja den Satz: Love makes you blind – Liebe macht blind. Das fand ich spannend in einer Beziehung. Denn wenn wir in einer Beziehung sind, sehen wir oft unsern Partner gar nicht oder sehen ihn, wie wir ihn sehen wollen.» Die Beziehung zwischen Gina und James ver­ändert sich. Bisher war sie von ihrem Mann abhängig. «Wenn diese Abhängigkeit plötzlich nicht mehr existiert, kommt der Punkt des Loslassens wie bei einer Mutter und ihren Eltern», erklärte Forster.

In der antiken Mythologie gibt es den blinden Seher Teire­sias, von den Göttern der Sehkraft beraubt, aber als eine Art Wiedergutmachung mit der Gabe des Voraussehens belohnt. Bei der Heldin Gina ist es eher umgekehrt: Sie war blind und wird sehend im Psychodrama «All I See Is You». Sie orientiert sich neu. Das irritiert sowohl den Ehemann, aber auch Zuschauer. Die Rolle des verunsicherten Ehemanns ist nachvollziehbar, seine Partnerin braucht ihn nicht mehr so bedingungslos wie vorher. «Aber», meint Forster im Gespräch, «er unternimmt nicht den Schritt, sich selber zu sehen, und steigert sich in eine Obsession. Er will seinen Besitz, seine Dominanz nicht verlieren. Und das ist schlussendlich sein Verhängnis.» Schauplätze sind Bangkok und Barcelona, zwei verschiedene Welten und Männer.

Weltbürger Marc Forster, in Deutschland geboren (1969), in der Schweiz aufgewachsen, taucht in der Schweiz eher sporadisch auf, seine Mutter lebt hier. Er würde wohl auch hierzulande drehen, bestätigte er, aber da müsste das richtige Drehbuch her. Forster hat am liebsten alles selber in der Hand. «Ja, es geht um Kontrolle», lacht er. Bei «All I See Is You» war er für Regie, Drehbuch und Produktion verantwortlich. Aktuell dreht Forster einen Live-Action-Film fürs Kino über den Bären Winnie Puuh, ­einen britischen Kinderbuch­klassiker («Pu, der Bär» von Alan ­­lexander Milne). Der pelzige Held wurde von Walt Disney aufgegriffen und 1966 erstmals animiert.

Ab Donnerstag im Kino

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