Bob Dylan im Hallenstadion – Entertainer seiner selbst

KONZERT ⋅ Bob Dylan überzeugt im Zürcher Hallenstadion mit einem musikalisch kraftvollen und hochklassigen Auftritt.
12. April 2018, 11:35

Philipp Landmark

Bob Dylan ist eine der wichtigsten Figuren im Rock-Zirkus – dies mit grosser Geste zu betonen, hatte der Mann, der 125 Millionen Alben verkaufte, noch nie nötig. Und so macht am Mittwoch beim Gastspiel des Meisters die dezent ausgeleuchtete Bühne das Hallenstadion zu einem intimen Salon, in dem nur die musikalische Darbietung zählt.

Der Auftakt zu einem gelungenen Abend ist noch verhalten; mit einer verwaschenen Version des Oscar-gekrönten Songs «Things Have Changed» lenkt Dylan ab von dem, was eigentlich Sache war: Gleich danach erlebt das bei weitem nicht nur grauhaarige Publikum eine geballte Ladung Klassiker: «Don’t Think Twice, It’s Allright» als lüpfiges Swing-Ding, «Highway 61 Revisited» als saubere Rock-Nummer und «Simple Twist Of Fate» als anschmiegsame Ballade, allesamt mit Verve interpretiert.

Am liebsten hinter seinem Flügel

Der Maestro zeigt sich frisch und munter, aber er verkriecht sich fast den ganzen Abend hinter seinem Flügel – immer noch ein ungewohnter Anblick, obwohl Dylan schon ewig auch Keyboards spielt. Und nicht so oft daneben greift. Ist es vielleicht der bequeme Sitzplatz des Pianisten, der den mit bald 77 Jahren betagten Herrn die Gitarre vernachlässigen lässt? Jedenfalls ist der Flügel auch eine praktische Ablage für Textblätter. Den Literaturnobelpreis hat Dylan schliesslich nicht für sparsamen Umgang mit Buchstaben bekommen. Die Folk- Ikone mit Mundharmonika und akustischer Gitarre jedoch sieht man am Mittwochabend nur auf Postern der fliegenden Händler vor dem Stadion, und der Rocker mit der Stromgitarre scheint ebenso ein abgeschlossenes Kapitel zu sein. Auch ein einziges Wort zum Publikum wäre schon eine Konzession zu viel gewesen.

Irgendwie ungewohnt ist es auch, dass der Bob Dylan der Gegenwart sich für seine Verhältnisse richtig Mühe gibt, die Songs sauber zu intonieren. Von Kritikern ja gern als grossartiger Songwriter gepriesen, aber als mieser Sänger gescholten, hat sich der Barde trotzig als Interpret des Great American Songbooks neu definiert. Wieder einmal eine Wende, die Fans irritiert, aber das ist bei Dylan fast schon Programm. Nun, auch in Zürich zeigte sich: Ein Sängerknabe mit holdem Stimmchen wird Dylan in diesem Leben nicht mehr – aber wann gab es das schon, dass man mehrere aufeinanderfolgende Textzeilen deutlich verstand?

Live bedient sich Dylan nur spärlich aus dem Great American Songbook – obwohl er diesen Standards die letzten drei Alben widmete. Immerhin: Als er mit «Melancholy Mood», «Once Upon A Time» oder einem zuckersüssen «Autumn Leaves» Songs zum Besten gibt, die Frank Sinatra schon trällerte, steht er in Entertainer-Manier in seinem kessen schwarzen Cowboy-Anzug ohne Instrument ans Mikrofon, mal am Bühnenrand, mal hinten am Vorhang, wo gar ein angedeuteter Hüftschwung auszumachen ist.

Die Chemie mit der Band scheint zu stimmen

Dylans Begleiter tragen ihren Chef kongenial durchs Set – woran manch prominenter Name schon gescheitert ist. Die Truppe ist eingespielt, alle Musiker sind schon viele Jahre an Bord, Bassist und Musical Director Tony Garnier gar schon seit 1989. Dies in einer Band, die seither auf ihrer «Never Ending Tour» Jahr für Jahr gegen 100 Auftritte abspult. Die Chemie muss jedenfalls stimmen, Gitarrist Charlie Sexton würde sonst wohl nicht auch noch mit Bobs Sohn Jakob Dylan zusammenarbeiten.

Auffällig viel Gewicht bekommen in den aktuellen Konzerten Songs aus seinem letzten Studioalbum mit eigenen Songs, «Tempest» von 2012. In dem 20-Nummern-Set sind sie gleich vier Mal vertreten, ganz so, als wollte uns His Bobness diesen markanten Abschluss seines Schaffens als Songwriter ins Gedächtnis hämmern. Was mit einer harten Chicago-Blues-Karikatur wie «Early Roman Kings» auch gelingt. Diese Songs harmonieren ausgezeichnet mit fünf ikonischen Songs seiner epochalen ersten Alben aus den frühen 60er-Jahren. Dies auch, weil Dylan seine Songs ohnehin stets in ein neues musikalisches Gewand steckt – worunter früher meist der Wiedererkennungswert arg litt. An diesem Abend ist dies erstaunlich selten der Fall, nur «Blowin’ In The Wind» als erste Zugabe hat mit der einstigen Protest-Hymne gar nichts mehr gemein. Die «Balad Of A Thin Man» als Finale klingt hingegen auch neu inszeniert so eindringlich wie einst.

Bob Dylan wird wohl auch in Zukunft noch für die eine oder andere Überraschung gut sein – das Ende der «Never Ending Tour» muss nicht darunter sein.


Anzeige: