Cannes greift nach der Zukunft

KINO ⋅ Eine Goldene Palme für eine Netflix-Produktion? Kinobetreiber toben, weil das Filmfestival Cannes auch ­Filme des US-Streaming-Dienstes aufführt. Ein aussichtsloser Kampf.
16. Mai 2017, 04:41

Lory Roebuck

kultur@luzernerzeitung.ch

Gehen Sie noch ins Kino, oder schauen Sie schon Netflix? Die Art, wie und wo wir die neuesten Filme konsumieren, ist im Begriff, sich komplett zu verändern. Und die Filmfestspiele von Cannes, die morgen Mittwoch in ihre siebzigste Ausgabe starten, haben möglicherweise den entscheidenden Richtungswechsel vorgegeben. Im diesjährigen Hauptwettbewerb laufen erstmals auch zwei Filme von Netflix: «Okja» von Bong Joon-ho und «The Meyerowitz Stories» von Noah Baumbach.

Kinobetreiber in Frankreich toben. Denn: Nach der rauschenden Festivalpremiere laufen «Okja» und «The Meyerowitz Stories» nicht etwa in ihren Sälen, sondern direkt im Wohnzimmer der Netflix-Abonnenten – per Internet-Stream. Solche Filme zu berücksichtigen, sei Hochverrat am Kino, lautete der Vorwurf an die Filmfestspiele.

Die Festivalleitung sah sich Anfang Woche zu einer ausser­ordentlichen Sitzung genötigt. Oberstes Traktandum war die Frage, ob die beiden Netflix-Filme statt im internationalen Wettbewerb nur noch ausser Konkurrenz laufen sollten. Somit hätten sie keine Aussicht mehr auf die Goldene Palme – neben dem ­Oscar der wichtigste Filmpreis der Welt.

Festival krebst ­ vorerst zurück

«Cannes versteht die Bedenken der Kinobetreiber», hiess es kurz darauf in einer Medienmitteilung. «Das Festival hat Netflix erfolglos darum ersucht, seine beiden Filme auch den Zuschauern in französischen Kinos zugänglich zu machen.» Trotzdem hielt die Festivalleitung an ihrem ursprünglichen Entscheid fest. «Okja» und «The Meyerowitz Stories» dürfen im Wettbewerb verbleiben und neben 17 anderen Filmen um die Goldene Palme konkurrieren.

Ein Sieg für Netflix also? Nicht ganz. Cannes krebste sogleich etwas zurück und verkündete im Hinblick aufs nächste Festivaljahr: «Ab 2018 muss jeder Film, der sich für den Hauptwettbewerb qualifizieren will, sich dazu verpflichten, in französische Kinos verliehen zu werden.» Netflix-CEO Reed Hastings trötzelte kurz darauf auf Facebook: «Das Establishment vereint sich gegen uns. Kino­betreiber wollen uns den Weg versperren, unglaublich!»

Solche populistischen Possen wären gar nicht nötig. Die neue Regelung für 2018 dürfte sich als reines Lippenbekenntnis entpuppen. Die Festivalleitung unter Direktor Thierry Frémaux weiss haargenau, dass Cannes es sich gar nicht leisten kann, Netflix vor die Tür zu setzen. Denn: Hollywoodregisseure und -stars springen gerade scharenweise auf den Streamingzug auf.

Martin Scorsese beispielsweise. Der US-Regisseur ist ein gern gesehener Gast an der Croisette. Sein Meisterwerk «Taxi Driver» gewann 1976 die Goldene Palme, 1998 leitete Scorsese die Wettbewerbsjury. Weil sein aktueller Film «Silence» an den Kinokassen floppte, zögerte Paramount Pictures mit der Finanzierung seines nächsten Projekts. Netflix sprang in die Bresche und bot für Scorseses Gangsterkrimi «The Irishman» (in den Hauptrollen: Robert De Niro, Al Pacino und Joe Pesci) 100 Millionen Dollar. Scorsese nahm dankend an.

Cannes kann nicht ­ Nein sagen

Auch Brad Pitts neuer Film läuft nur auf Netflix. In der Kriegssatire «War Machine» (ab 26. Mai) spielt der Hollywoodstar einen überforderten Armeeoffizier in Afghanistan. Die Hauptrolle in «Okja» derweil spielt Oscar-Gewinnerin Tilda Swinton, und für «The Meyerowitz Stories» standen Stars wie Ben Stiller, Adam Sandler und Dustin Hoffman vor der Kamera. Wenn Netflix solche Namen anbietet, kann Cannes gar nicht Nein sagen.

Wer das Programm der diesjährigen Festivalausgabe studiert, merkt auch: Cannes will sich den neuen Entwicklungen und Trends gar nicht verschliessen. So hat das Festival in einer Nebenreihe auch TV-Serien wie «Top of the Lake» und die «Twin Peaks»-Fortsetzung programmiert. Und zeigt mit «Carne y Arena» von Oscar-Gewinner Alejandro González Iñárritu («The Revenant») sogar einen Virtual-Reality-Film.

Cannes blickt in die Zukunft, zumindest hinter vorgehaltener Hand. Man würde sich von Festivalleiter Thierry Frémaux ein ähnliches Bekenntnis wünschen wie von Alberto Barbera. Der künstlerische Leiter der Filmfestspiele von Venedig war 2015 ebenfalls dafür kritisiert worden, dass er mit «Beasts Of No Nation» einen Netflix-Film in sein Programm aufgenommen hatte. Barberas Antwort: «Es macht keinen Sinn, Filme aufgrund ihrer Herstellungsart zu diskriminieren. Ich suche Filme nach ihrem künstlerischen Wert aus. Egal, woher sie kommen, sie sind Bestandteil des heutigen Kinos.»

 

Filmfestival Cannes: Das Programm

Französische und US-Filme dominieren die Konkurrenz. Zu den vier Beiträgen aus Frankreich zählen «L’Amant Double» von François Ozon und «Le Redoutable» über Regielegende Godard von Michel Hazanavicius. Sofia Coppola aus den USA geht mit dem Drama «The Beguiled» ins Rennen, ihre Landsleute Todd Haynes mit «Wonderstruck», Noah Baumbach mit «The Meyerowitz Stories» sowie Benny und Josh Safdie mit «Good Time». Aber auch die Deutschen Fatih Akin («Aus dem Nichts») und Michael Haneke («Happy End») sind vertreten.

In Nebensektionen laufen vier Werke mit Schweizer Beteiligung: «Le vénérable W.» von Barbet Schroeder, «Sicilian Ghost Story» (Regie: Fabio Grassadonia und Antonio Piazza) mit Sabine Timoteo und «L’intrusa» von Leonardo di Costanzo, zwei Tessiner Koproduktionen, sowie «Avant la fin de l’été» der Genferin Maryam Goormaghtigh. (sda)

Die Filmfestspiele im südfranzösischen Cannes finden vom 17. bis 28. Mai statt. Mehr Infos: www.festival-cannes.com.


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