Das Gegenteil von Anmut

KUNST ⋅ Als wolle er sagen: Seht her, mehr bleibt da nicht! Der Krienser und international bekannte Künstler Urs Lüthi (70) denkt im Museum im Bellpark in Kriens über seine eigene Vergänglichkeit nach.
01. Dezember 2017, 07:23

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Vor den Fenstern zum Bellpark empfängt einen der Künstler Urs Lüthi mit leeren Händen. Würdevoll wie ein Priester streckt er die Arme aus, nur eine Clownsnase verrät den Schalk.

Ein wenig erinnert der mit grüner Farbe überzogene Aluminiumguss «Selbstporträt (A mani vuoti)» aus dem Jahr 2009 an eine verwitterte Gartenplastik. Wie diese hat auch Urs Lüthi mit seinen 70 Jahren etwas Patina angesetzt. Denn lange ist’s her, seit Lüthi zum ersten Mal in den 1970ern seinen damals noch jungen Körper wirkungsvoll im Namen der Kunst in Szene gesetzt hat.

Jetzt hat der die ersten Lebensjahre in Kriens aufgewachsene Künstler im Museum im Bellpark sein «Heimspiel» ausgerichtet. Keine Retrospektive einer im internationalen Kunstmarkt gewichtigen Figur, sondern eine altersweitsichtige Neubewertung von Ruhm und Ewigkeitsanspruch mit Werken aus der jüngeren Schaffensphase ist es geworden. Die über Lüthis Gesicht krabbelnden Tagesfliegen auf einem der im Keller aufgehängten Selbstporträts mit feiner Rasterung, die schonungslos zur Schau gestellten Nackenfalten seiner gealterten Haut oder eine Rückenansicht, bei der uns ein Säugling über Lüthis Schultern anschaut, als wolle er sagen: «Die Zukunft gehört mir, nicht dem Künstler!», setzen den Grundton dieser melancholischen Ausstellung.

Der Akzent des Uneitlen und Wüsten

Im Kellergeschoss verstärken die Objekte aus Lüthis «Brachland/Wasteland»-Serie (2014) zwischen den linear sehr fein gerasterten, grauen Fotoarbeiten den Akzent des Uneitlen und Wüsten. Es handelt sich um Holzplatten, die Lüthi mit grauer Farbe übergossen hat. Die Verwerfungen und Luftblasen der zähflüssigen Farbe sind als Spuren erkennbar. Einzelne Platten sind mit Scharnieren an den Wänden angebracht wie Türen, andere wiederum liegen im Raum wie Tischplatten auf Holzgestellen.

Beim Aufstieg in den ersten Stock begegnen einem Selbstporträts aus der Serie «Lost Direc­tion», für die der Künstler sich seine Brille schräg über den Kopf gehängt hat.

In der oberen Etage des Museums hat Lüthi wie überall im Haus den Sichtschutz von den Fenstern entfernen lassen. Auf gutbürgerlichen Teppichen mit Blumenmustern hat er Podeste platziert. In die Podeste eingepasst liegen Aluminiumplastiken. Es sind gestürzte, unfertige Selbstporträts. Mehr Prototypen des Selbsts, mit unfertigen Armen und Beinen, über die der Künstler graue Farbe geschüttet hat. Jedoch so inkonsequent, dass an manchen Stellen das Aluminium nackt hervorlugt.

Wohnlichkeit und Ödnis in einem

Gesamthaft ergibt sich ein Bild des Unperfekten, Unfertigen und das Gegenteil von Anmut, mit der der Künstler einer Musealisierung seiner Person entgegenwirken will. Mit der Verwendung glänzender, möbelartiger Podeste, der Nutzung bürgerlicher Teppiche, dem Anbringen der Bilder mit Scharnieren und dem Aufbrechen des White Cube durch die Entfernung des Sichtschutzes und der Nutzung des Gartens als Hintergrund versucht der Krienser und Kunstnomade eine Wohnlichkeit herzustellen, die zur Verlassenheit und Ödnis seiner Fotodrucke und grauen Holzplatten starke Kontraste setzt. Es ist keine Retrospektive, sondern ein altersweitsichtiger Blick in die Zukunft, der sich jede Eitelkeit abgeschminkt hat.

Hinweis

Urs Lüthi – Heimspiel. Museum im Bellpark, Kriens. Bis 4. März 2018. www.bellpark.ch

Andere Retrospektive

Das Luzerner Verlegerpaar Flurina und Gianni Paravicini hat den Künstler Urs Lüthi 2001 an die 49. Biennale begleitet und mehrere Lüthi-Bücher herausgegeben. Mit dem Bellpark als Mitherausgeberin ist ihnen eine ungewöhnliche Retrospektive gelungen. «Printed Matter» reflektiert das bald 50-jährige Schaffen des Künstlers in Form von Karten, Plakaten, Katalogen und Büchern. (jst)

Hinweis Urs Lüthi: Printed Matter. Edizioni Periferia, 384 Seiten, 68 Franken.

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