Das konfliktreiche Leben in einer Blackbox Europas

LITERATUR ⋅ Bulgarien gehört zu den Ländern Europas, von denen man bei uns im Westen mit am wenigsten weiss. Die Luzernerin Evelina Jecker Lambreva erzählt aus ihrem Heimatland und geht sehr nahe an die Menschen heran.
16. April 2018, 04:38

Blaga war jahrelang Chefärztin in einer Stadt. Längst ist sie pensioniert und lebt mit Geissen und anderen Tieren auf einem Hof. Diese sind ihr Ein und Alles. Doch ihre Tochter möchte, dass die weit über 80-Jährige wieder in die Stadt zieht, weil sie ihr ein eigenständiges Leben auf dem Land nicht mehr zutraut. Blaga weigert sich, den Hof und vor allem die Tiere aufzugeben, es kommt zum heftigen Konflikt mit der Tochter. Da bringt ein unerwartetes Ereignis die Entscheidung.

Blaga ist die Protagonistin in einer der fünf Erzählungen, die Evelina Jecker Lambreva in ih­rem neuen Buch versammelt. Die 54-jährige gebürtige Bulgarin ist Psychiaterin, lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Luzern.

In einer weiteren Story versammeln sich zweimal die Woche ältere Menschen in Reih und Glied, um eine Portion Milch zu erstehen. Anhand ihrer unterschiedlichen Vergangenheiten und Blickwinkel auf die Politik geraten sie ständig in Streit. Eines Tages taucht ein junger Dudelsackbläser auf und verzaubert alle mit seiner Musik. Für eine gewisse Zeit kehrt Frieden ein.

Kommunismus und Liberalisierung im Clinch

Generationen und Geschichte prägen auch in der dritten Story. Ein alter Mann, der von den Neureichen nach der Wende Schlimmes erlebt hat, verzweifelt an seinem Sohn, der sich um des Erfolgs willen gerade mit diesen Neureichen einlässt. Die vierte Story thematisiert die Kultur der Roma in Bulgarien mit ihrer Diskriminierung, aber auch eigenen negativen Seiten. Doch ein kleines Roma-Mädchen, das nur scheinbar um Essen bettelt, verhält sich wider alle Klischees. Die fünfte Geschichte zeigt die beengende soziale Kontrolle auf dem Land. Die positive Kehrseite davon, die Solidarität, zeigt sich, als eine ungewollt schwangere Mutter vor der Entbindung steht.

Es gelingt Evelina Jecker Lambreva, viel über Bulgarien zu vermitteln, über das Spannungsfeld zwischen Stadt und Land, zwischen dem die Gesellschaft immer noch prägenden früheren Kommunismus und der kapitalistischen Liberalisierung und den auch daraus entstehenden Generationenkonflikten.

Die Geschichten haben öfter längere erklärende Passagen, etwa zur Situation der Roma. Und zuweilen dominieren alltägliche Ereignisse, was indes zum Konzept gehört. Trotz des Dokumentarischen schafft es die Autorin, mit einer sorgfältigen Sprache und starken Textenden, im Bereich des Literarischen zu bleiben.

 

Arno Renggli

arno.renggli@luzernerzeitung.ch

 

Evelina Jecker Lambreva: Bulgarischer Reigen. Chora-Verlag,

166 S., Fr. 32.–.


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