Das Piano als Sehnsucht und Verlangen

KKL ⋅ Das Münchener Kammerorchester und der Pianist Alexandre Tharaud: eine inspirierende Verbindung, die alte Meister in neue Lichter taucht. Der Franzose begeistert bei seinem Auftritt im KKL.
04. November 2017, 10:12

Der Pianist Alexandre Tharaud tanzt auf vielen Hochzeiten. Seine letzte Einspielung huldigt zum Beispiel der französischen, vor 20 Jahren verstorbenen Chansonnière Barbara und ihren romantisch-melancholischen Melodien. Eine Aufnahme vorher beschäftigte er sich mit den strengen «Goldberg-Variationen» von Bach. In anderen CDs stellt er das «Swingende Paris» vor («Le Bœuf sur le Toit») oder interpretiert Werke der Moderne (Thierry Pécou: «L’Oiseau innumérable»). Speziell an Alexandre Tharaud (48) ist auch, dass er phasenweise kein Klavier bei sich hat. Dafür besitzt er Schlüssel zu Pariser Appartements, die Verwandten oder Musiklieb­habern gehören, welche er kaum kennt. Aber dort hat es jeweils ­einen Flügel. Diese Fernheit von seinen Büchern, Partituren und Bildern hilft ihm, sich auf das ­Wesentliche, das Stück zu konzentrieren, «mein Universum zu spezifizieren und die Sehnsucht nach dem Piano aufrechtzuerhalten», wie er in einem Interview mit «La Répu­blique» erklärte.

Schwebend über dem Boden

Die Früchte dieser Sehnsucht liessen sich am Donnerstag im KKL ernten. Unter der Organi­sation des Luzerner Sinfonie­orchesters gastierte der Pianist zum ersten Mal in der Stadt. Bei diesem Auftritt greift er auf ein ganz und gar klassisches Programm zurück. Eine Kombination aus Mozart und Haydn, die er ebenfalls vor drei Jahren unter dem Titel «Jeunhomme» fixierte. Und es ist vor allem Alexandre Tharauds Interpretation des Klavierkonzertes Nr. 11 von Joseph Haydn, die begeistert. Denn Tharaud pflegt einen leichten, fast schwerelosen Anschlag, unterstützt von konstanter Pedalarbeit. Dies erzeugt einen fliegenden Klang, einen Zauber. Es sind Melodien, die konstant einen halben Meter über dem Boden schweben. Diese, manchmal gar etwas im Raume hängende Vergessenheit kontrastiert er mit einer gesunden Erdung, wuchtigen Crescendi, mehr in diesem Jahrhundert verankert, denn in Haydns Gefilden. Tharauds Gestaltungswille, ja sein Verlangen nach der Musik geben dieser Komposition seine eigene, spezielle Botschaft.

Das ebenbürtige Münchener Kammerorchester spiegelt diesen tastenden Ansatz. Vor allem das nach innen gerichtete «Un poco adagio» gerät zu einem Hör­genuss. Die leichten Einwürfe des Orchesters sind ein feines Schäumchen, ein Tanz auf dem Blättertau. Gepaart mit der träumenden Sichtigkeit von Tharaud, formt sich ein Klangwunder, gerichtet in die Ewigkeit.

Das Klavierkonzert Nr. 9 von Wolfgang Amadeus Mozart begeistert mit dem gleichen, abgehobenen Fluss. Und doch hätte man sich hier etwas mehr Erdung gewünscht. So bleibt der Zauber, der süsse Rausch an der Oberfläche stecken. Die Eckpunkte des Konzertes gestaltet das Münchner Kammerorchester. Und wie!

Vom ersten Pult aus leitet der Konzertmeister Raphael Christ mit der Violine das Ensemble. Er war in diesem Jahr ja auch Konzertmeister des Lucerne Festival Orchestra. Schon die, eher selten gespielte, Sinfonie Nr. 51 von ­Mozart ist lebendig, quirlig und attraktiv. Für die abschliessende Sinfonie Nr. 29 stehen dann die Künstler gar. Und es ist nicht nur ein Hörgenuss, sondern geradezu eine Augenweide, wie sich die Spieler im Rhythmus wiegen, mit den Akzenten tanzen, im ­Gegentakt schunkeln. Das finale «Allegro con spirito» wird beim Wort genommen, die Musiker spielen mit Lust und Leben. Auf kleinstem Raum wird musikalisch variiert, setzen die Instrumentalisten ihre Akzente. Ein faszinierender Mozart, überzeugend vom ersten bis zum letzten Takt.

 

Roman Kühne

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Das Luzerner Sinfonieorchester ist ebenfalls Organisator der Konzertserie «Gipfelwerk» auf dem Pilatus. Dieses Wochenende sind es Nicholas Angelich, Klavier, Ning Feng, Violine, und Edgar Moreau, Violoncello, die zwei verschiedene Programme spie- len. (Samstag, 21.00 Uhr, und Sonntag, 10.30 Uhr). Informationen: www.sinfonieorchester.ch


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