Das Piano-Festival lernt fliegen

LUZERN, 18. BIS 26. NOVEMBER ⋅ Beim Piano-Festival stehen grosse Individualisten am Flügel im Zentrum. Aber dieses Jahr mehren sich die Ansätze hin zu einem Erlebnisfestival nach dem Vorbild der Sommerausgabe.
13. November 2017, 08:20

Das Piano-Festival spielt unter den drei Lucerne Festivals eine Sonderrolle. Seit ein paar Jahren nähert sich die Ausgabe zu Ostern dem Vollprogramm des Sommers im Kleinen an. Das Piano-Festival dagegen blieb bisher im Wesentlichen eine illustre Reihe von Solorezitals, garniert mit den Auftritten von Jazzpianisten in Luzerner Bars im Rahmen des «Piano off stage».

Orchesterjazz vom Feinsten

Dieses Jahr aber herrscht Aufbruchstimmung. Der «Tastentag» bleibt zwar mit drei Rezitals von jungen Pianisten und der Piano-Lecture von Martin Meyer schmal bestückt im Vergleich zu den Erlebnistagen im Sommer. Aber mit dem Fokus auf Debussy hat er ein pianistisch attraktives Thema. Zudem werden erstmals mehrere Akzente jenseits der schwarz-weissen Tasten gesetzt.

Dazu gehört der Auftritt des Jazzsängers Andreas Schaerer mit seiner Band «Hildegard lernt fliegen» und dem Orchester der Lucerne Festival Academy. Auch wenn das eine Wiederholung des Programms ist, das vor zwei Jahren im Sommer Premiere hatte: Die Mischung von orchestraler Farbigkeit und Power mit der improvisatorisch freien Performance des Sängers und seiner Band ist vom Feinsten und gleichzeitig von einer Wucht, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Nicht ins gängige Piano-Schema passt auch die «Hommage à Claudio Abbado» der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker. Diese führt Moderne von Wolfgang Rihm, Romantik von Robert Schumann und ein neues Werk von Vito Zuraj auf, der 2016 von der Orchesterakademie der Berliner den Claudio-Abbado-Kompositionspreis erhielt. Zurajs «Alavò» (für Sopran, Klavier und Instrumentengruppen) wie auch «Chiffre II» von Wolfgang Rihm verweisen damit auf das Sommerfestival, wo Abbado wie Rihm eine zentrale Rolle spielten oder spielen.

Sind das alles Bestrebungen, nach Ostern auch das Piano-Festival stärker hin zu einem thematisch breit gefächerten Erlebnisfestival nach dem Vorbild der Sommerausgabe zu wandeln?

Rezitals sind Sinfoniekonzerte!

«Nein, das kann auch nicht die Absicht sein», meint Intendant Michael Haefliger und verweist auf einen grundlegenden Unterschied: «Am Piano-Festival ergeben die Individualitäten der Pianisten quasi das Programm. Sie treten meist nicht als Solisten, sondern tatsächlich solo auf.» Damit behalten auch die traditionellen Rezitals ihren zentralen Stellenwert: «Die Rezitals sind für das Piano-Festival das, was für den Sommer die Sinfoniekonzerte sind».

Eine Attraktivität des Festivals sieht Haefliger darin, dass man «an der persönlichen Entwicklung der Künstler teilhaben kann». Exem­plarisch gilt das für Pianisten wie Martha Argerich (als Solistin im Eröffnungskonzert) oder Evgeny Kissin (Titelbild PD). Das ehemalige Wunderkind stellt sich mit einem Beethoven-Rezital in die Reihe grosser russischer Beethoven-Interpreten wie Svjatoslav Richter und Emil Gilels, wie die eben erschienene Doppel-CD zeigt.

Daneben hat beim Piano-Festival ein Generationenwechsel stattgefunden. Das gilt nicht nur für die drei Debütkonzerte, sondern zeigt sich auch am «Tastentag». «Da treten mit Kit Armstrong, Sophie Pacini und Yulianna Avdeeva jüngere Pianisten auf, die alle bereits eta­bliert und doch offen sind für thematische Programme», meint Haefliger.

Solitäre und Beziehungszauber

Im Zentrum stehen beim Piano-Festival zwar pianistische Solitäre wie die diabolische Pianistik eines Daniil Trifonov, die dramatische Poesie des Norwegers Leif Ove Andsnes, das impressionistische Feuerwerk des Duos Güher und Süher Pekinel oder das pointierte Mozart-Spiel des Polen Piotr Anderszewski (im Schlusskonzert mit den Festival Strings). Aber seinen Reiz verdankt die Festivalwoche auch den Querbezügen im Programm. Haefliger verweist auf den Jazz, der im Hildegard-lernt-fliegen-Projekt ebenso auftaucht wie im «Piano off stage», dessen Pianisten sich bis in die Nacht hinein zu Jam Sessions treffen. Man könnte das noch weiter spinnen: zur venezolanischen Pianistin Gabriela Montero, die in ihrem Rezital über Stilmodelle der Klassik improvisiert. Bringt man all das zusammen, hat man den Eindruck: Auch das Piano-Festival selber lernt fliegen.


Urs Mattenberger


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