Das Pilgern beginnt nachts an der Orgel

JUBILÄUM ⋅ Seit 25 Jahren bringt Wolfgang Sieber als Stifts- und Hoforganist viele musikalische Farben in die Hofkirche Luzern. Und sagt, wie er den Kirchenalltag mit dem weltoffenen Geist seiner Konzerte zusammenbringt. Auch am übermorgen beginnenden Orgelsommer.
16. Juli 2017, 08:30

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Man glaubt, es müsse schwer sein, mit Wolfgang Sieber, dem Tausendsassa unter den Luzerner Organisten, einen Interviewtermin zu finden. Als Organist an der Hofkirche, wo er dieses Jahr sein 25-Jahr-Jubiläum feiert, ist er zwar vor allem an Wochenenden beschäftigt – bis zu fünf Mal spielt er da die grosse Hof- oder die Walpenorgel in Messen und liturgischen Feiern.

Aber Sieber ist auch als Konzertorganist viel beschäftigt – jüngst für die CD «sieberspace IV», deren Stücke er mit 48 Mikrofonen in der Hofkirche selber aufgenommen hat. Und vor ein paar Tagen erschien das umfangreiche Programmheft zum Orgelsommer in der Hofkirche, der am Dienstag beginnt. Da tritt Sieber neben namhaften Gastorganisten selber auf und lässt jeden Dienstag über Mittag das «Orgelgewitter» mit der legendären Regenmaschine niederprasseln.

Zweifel und Zuflucht

Da wundert man sich über die Gelassenheit, die der Mann mit dem Bergbauernbart im «Rebstock» ausstrahlt, wo Sieber gleich von einem neuen Projekt berichtet: Tags darauf wird er mit seiner Frau eine zweite Etappe auf dem Jakobs-Pilgerweg unter die Füsse nehmen. Reicht eine Kurzetappe von Willisau nach Burgdorf, um sich auszuklinken und neben seinen vielen Aktivitäten auch mal zur Ruhe zu kommen?

«Man merkt mit 63 Jahren schon, dass die Zukunft immer kürzer wird», lacht Sieber, der sein Amt am Hof über die Pensionierung hinaus ausüben wird. Aber am Jakobsweg fasziniert ihn die andere Wahrnehmung, die das Pilgern erlaubt: «Bei schnellen Fortbewegungsmitteln sind Ortswechsel von den Sinnen abgekoppelt. Schon beim Velofahren schränkt sich der Blickwinkel ein» – Sieber hebt beide Hände wie Scheuklappen neben die Augen: «Beim Wandern dagegen nimmt man alles um sich herum ganzheitlich wahr. Und hat endlich Zeit, seinen Gedanken bis zu Ende nachzuhängen – bis sogar das Denken selber aufhört.»

Beginnt an diesem Punkt auch eine Art Gotteserfahrung – oder welche Rolle spielt diese bei seiner Arbeit als Organist? Sieber verweist zunächst auf «die Volksfrömmigkeit» in seiner alt-toggenburgischen Kindheit: «Sie brachte mich mit den prächtigen Räumen, Gesängen, Gewändern, Lichtern und dem Weihrauchgeschmack zum Staunen.» Die «Gottesbegegnung» in seiner Studienzeit war zwar von «grossen Zweifeln» gegenüber dem «Bodenpersonal» geprägt. Aber sie bot ihm auch Zuflucht, wenn er «beim Gebet und Spiel in der Kirche eine unbeschreibliche Kraft» spürte: «Mein jetziger Umgang mit Gott ist ein vertraulicher, friedlicher, unverkrampfter.»

Musikalische und andere Begegnungen

Wie aber passt die Umtriebigkeit Siebers als Konzertorganist in den Alltag als Kirchenmusiker? Zunächst stellt er klar: «Am liebsten spiele ich nachts ganz allein in der Kirche. Da kann ich zu einer Urruhe finden, die bereits ein musikalischer Jakobsweg ist.» Trotzdem galt er schon als Kind als «Hans-Dampf-in-allen-Gassen»: «Ich bin zwar als Einzelkind aufgewachsen, aber bereits als Vierjähriger telefonierte ich immer wieder nach Hause, um mitzuteilen, dass ich bei diesem oder jenem Gspänli übernachte.»

Dieser Gemeinschaftssinn ist geblieben. Dazu gehört heute die eigene Grossfamilie, eine Art KMU, in der zu den vier Kindern seiner Frau aus erster Ehe vier gemeinsame dazukamen. Und «Begegnungen mit Menschen» sind eben auch zentral für seine Arbeit als Kirchenmusiker. Als solcher schätzt es Sieber auch, dass Pfarrer Ruedi Beck in der Hofkirche vermehrt junge Menschen ansprechen will – obwohl dann statt Sieber an der Orgel auch mal eine Pop-Band vorne neben dem Altar stehen wird.

Multikultureller Auftakt zum Orgelsommer

Die Begegnung mit Menschen und Musikern inspiriert den Organisten auch zu seinen Stil-Experimenten. Beim Orgelsommer rücken die eingeladenen Organisten zwar, den sinfonischen Möglichkeiten der Hoforgel entsprechend, Orchester-Klassiker in den Vordergrund. Die Reihe reicht von Mussorgskis «Bildern einer Ausstellung» (25. Juli) über Paul Dukas’ «Zauberlehrling» (8. August), Ravels «La valse» (15. August) und Mahlers «Adagietto» (22. August) bis zu Schumanns Klavierkonzert (5. September).

Aber die Sieber-typische Stilvielfalt gibt es schon im Eröffnungskonzert. Denn die «Seven Ethnic-Toccatas» auf der neuen CD sind Eigenkompositionen, die Schweizer Volksmusik, afroamerikanischen Ragtime oder Balkan-Sound verarbeiten. In der «To-cow-ta» über «Gang rüef de Bruune» stolpern die Kühe im 7/8-Takt, «Magic» beschwört die Pop-Musikmagie der Queen (nach «Magic Woman»), «White Hall» kombiniert Sinfonik, wie sie im Konzertsaal des KKL erklingt. Und alles endet mit einem südamerikanischen Fest.

Sieber bringt eben Gegensätze zusammen – nicht nur in der Musik. «Der Jakobsweg ist Natur pur und somit wohl die direkteste Linie zu Gott», lautet sein Nachtrag zum Pilgerthema. Gesendet per Smartphone aus dem silbernen Abendlicht irgendwo zwischen Willisau und Burgdorf.

Hinweis

Orgelsommer in der Hofkirche Luzern: Jeden Dienstag, 18. Juli bis 19. September, 12.15 Uhr (Orgelgewitter), 20 Uhr (Konzert).

www.hoforgel-luzern.ch


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