Das wichtigste Verkehrsmittel fährt vertikal

AUFZUG ⋅ Der schnellste Lift der Welt rast im Shanghai Tower mit einer Geschwindigkeit von 70 Kilometern pro Stunde nach oben. Die Erfindung der Fahrstuhlbremse von Elisha Graves Otis liess Grossstädte wie New York in die Höhe wachsen.
13. Januar 2018, 10:07

Im Jahr 1853 präsentierte der Konstrukteur Elisha Graves Otis auf der Weltausstellung in New York eine Innovation, die die Welt verändern sollte: die Fahrstuhlbremse. Auf einer Plattform über den Köpfen der Besucher schwebend wies er seinen Assistenten an, das Tragseil zu durchschneiden. Das Publikum im Kristallpalast hielt den Atem an, doch es passierte – und das war die Sensation – nichts: Otis stand felsenfest auf seiner Plattform, woraufhin er den legendären Satz aussprach: «All safe, gentlemen.» Alle sicher.

Mechanische Hebevorrichtungen gab es bereits in der Antike. So entwickelte Archimedes eine Konstruktion, die mit Seilen und einem Flaschenzug betrieben wurde. Und in Bergwerkstollen kamen schon früh in der Geschichte Lastenzüge zum Einsatz, welche die Minenarbeiter und Mineralien in die Höhe beförderten. Das technische Problem war das eines Seilrisses. Riss das Hubseil, konnte praktisch nicht verhindert werden, dass der Fahrstuhl in die Tiefe rauschte und die Insassen den Tod fanden. Otis fand eine Lösung auf dieses technische Problem: Er entwickelte eine Sicherheitsbremse, die just in dem Moment eingriff, wenn das Seil riss. Diese Bremse bestand aus einer Wagenfeder, die er über dem Fahrkorb anbrachte, sowie zwei Bolzen, die bei einem Seilriss und der dadurch ausgelösten Entspannung der Feder nach aussen schnellten und die Führungsschiene blockierten.

Otis Grundprinzip ist heute noch aktuell

Otis zog 1857 den ersten Auftrag für einen kommerziellen Personenzug in einem New Yorker Warenhaus an Land. Die Sicherheitsbremse wurde in den darauffolgenden Jahren weiterentwickelt, doch das Grundprinzip einer Fangvorrichtung findet sich in jedem modernen Aufzug.

Historisch lässt sich die Erfindung des Fahrstuhls nicht genau rekonstruieren, doch ihre Entwicklung läuft parallel mit dem Bau der ersten Wolkenkratzer in New York. Ohne den Fahrstuhl gäbe es keine Hochhäuser und vermutlich keine Megastädte.

Der Siegeszug der Aufzüge hat die soziale Hierarchie insofern auf den Kopf gestellt, als sich mit den neuen Höhen auch das gesellschaftliche Prestige veränderte. Das Grossbürgertum residierte früher in der Beletage im ersten oder zweiten Obergeschoss, während Kammerdiener in den oberen Stockwerken untergebracht wurden. Heute gilt: Je höher die Wohnung, desto höher der soziale Status.

In Metropolen wie New York oder Hongkong ist der Lift ein ­unersetzliches Verkehrsmittel. Allein in New York gibt es nach Angaben des Department of Buildings 66600 Personenaufzüge, hinzu kommen 4140 Frachtaufzüge. Ohne Aufzüge würde das Leben stillstehen. Andererseits: Auch das Warten auf Aufzüge bedeutet Stillstand – und Produktivitätsausfall. Laut einer Erhebung von IBM unter 6500 Büromitarbeitern in mehreren US-Städten verbrachten die Angestellten zusammengerechnet 33 Jahre in Aufzügen, 92 Jahre vor Aufzügen. Daher arbeiten Hersteller an smarten Aufzügen, die mithilfe von Nutzungsanalysen Stosszeiten in der Lobby vorhersehen und durch eine effizientere Bedienung von Etagen die Wartezeiten reduzieren.

Profane Verkehrsmittel wie U-Bahnen

Die modernen Aufzüge haben mit den ersten Modellen nicht mehr viel gemein. Damals zuckelten und ruckelten die Körbe noch mit einem halben Meter pro Sekunde von Etage zu Etage, die Insassen wurden bei dem abrupten Bremsvorgang kräftig durchgeschüttelt. Tödliche Unfälle von Menschen, die in die ungesicherten Schächte stürzten, gehörten zur Tagesordnung. Die Vorstellung einer Liebelei im Lift, wird heute meist nur noch in Filmen und literarischer Fiktion bedient. Auch wenn die Insassen eine Schicksalsgemeinschaft bilden, sind Fahrstühle heute profane Verkehrsmittel wie U-Bahnen oder Busse, wobei die unbotmässige Nähe mit wildfremden Menschen, das Eingepferchtsein auf engstem Raum eher ein Gefühl der Beklemmung als amouröse Fantasien auslöst.

In den Hochhäusern der Megametropolen sind Hightech-Maschinen installiert, die vollautomatisch fahren. Im Shanghai Tower rast der schnellste Aufzug der Welt mit einer Geschwindigkeit von 70 Kilometern pro Stunde (20,5 Meter pro Sekunde) in 45 Sekunden auf die Aussichtsplattform in 552 Metern Höhe, ohne dass der Insasse etwas von der vertikalen Expressfahrt merkte.

Adrian Lobe


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