«Doctor Jack»: Der Armenarzt von Kalkutta

KINO ⋅ Dem Westschweizer Regisseur Benoît Lange ist mit «Doctor Jack» ein eindrücklicher Dokumentarfilm gelungen. Er porträtiert den seit über dreissig Jahren in den Slums von Kalkutta arbeitenden Arzt Jack Preger.
11. Oktober 2017, 08:12

Peter Mosberger

kultur@luzernerzeitung.ch

Der heute 87-jährige Brite Jack Preger hat ein wechselvolles Leben hinter sich. 1930 in Manchester geboren und aufgewachsen, studierte er Wirtschaft und Politikwissenschaft in Oxford, erwarb nach seinem Abschluss eine Farm in Wales und arbeitete, inzwischen Ehemann und Vater, zunächst als Landwirt. Das raue Leben setzte seiner Frau jedoch sehr zu; sie verliess den Mann zusammen mit dem Kind.

Als Fünfunddreissigjähriger beschloss Preger, ein Medizinstudium aufzunehmen, verkaufte die Farm und wurde Arzt. Sein Plan war ursprünglich, den Armen in Südamerika zu helfen. Ein internationaler Aufruf an Ärzte führte ihn jedoch 1972 nach Bang­ladesch, das soeben nach einem blutigen Bürgerkrieg unabhängig geworden war.

Von Dhaka nach Kalkutta

Dort arbeitete er in der Hauptstadt Dhaka einige Jahre lang unter prekären Bedingungen, wurde jedoch, nachdem er einen Kinderhändler-Ring aufgedeckt und trotz Warnungen von Regierungsseite angezeigt hatte, 1979 des Landes verwiesen. Er ging nach Indien, arbeitete zunächst ein halbes Jahr lang unter Mutter Teresa in Kalkutta, verliess diese Organisation aber wieder, da ihm die Pflegemethoden aus medizinischer Sicht mangelhaft erschienen, und begann selbstständig in den Slums unter der Howrah-Brücke zu praktizieren – buchstäblich auf der Strasse, weshalb in diesem Zusammenhang auch oft von «Strassenmedizin» gesprochen wird.

Es folgten schwierige Aufbaujahre seiner durch Spendengelder (vor allem aus Europa und den USA) unterstützten Hilfsorganisation «Calcutta Rescue», die heute mit rund 150 lokalen Angestellten unter anderem drei Kliniken betreibt und den Armen kostenlose ärztliche Hilfe anbietet.

Selbstlose Arbeit im Dienst der Armen

Im Film von Benoît Lange werden diese Hintergründe zum Teil nur kurz oder andeutungsweise gestreift. Das liegt daran, dass Preger selbst nicht gern über seine Person spricht, sondern lieber über seine Arbeit; zum andern sollen die Szenen wohl vor allem einen Eindruck von der gegenwärtigen Situation vermitteln. So lernt man den Alltag des immer noch täglich seine Sprechstunden durchführenden Arztes kennen, begegnet einigen seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wie auch verschiedenen Patienten oder nimmt teil an Besprechungen und Sitzungen. Aus der Bewunderung für den Arzt macht der Film dabei kaum einen Hehl, wobei sich Jack Preger selbst den Versuchen, ihn auf ein Podest zu heben, jeweils durch seine pragmatische Art entzieht. Ungeachtet der konventionellen Machart beeindruckt einen die Produktion durch das spürbar freundschaftliche Einvernehmen zwischen dem Regisseur und dem Arzt sowie durch die hervorragend gewählten und fotografierten Szenen, die einem als Zuschauer das Gefühl geben, selber mittendrin in Kalkutta dabei zu sein.

Regisseur arbeitete freiwillig in Kalkutta

Beides dürfte damit zu tun haben, dass der Regisseur selber Fotograf ist und sowohl den Ort wie auch den Porträtierten gut kennt. Der 1965 geborene ­Benoît Lange arbeitete in den 1980er- Jahren im Rahmen verschiedener humanitärer Projekte auch zwei Jahre lang als Freiwilliger bei Jack Preger in Kalkutta. In diesem Zusammenhang veröffentlichte er schon 1991 ein Bildband über den Armenarzt. Mit seinem Film setzt Lange nun dem selbstlosen Wirken dieses – wenn man so will – modernen Don Quijote ein berührendes Denkmal.

Hinweis

«Doctor Jack» läuft ab Donnerstag in den Kinos Bourbaki (Luzern) und AFM Cinema (Stans).

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